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Josies Werke
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Meine ambivalente Sehnsucht zu den USA
Meine ambivalente Sehnsucht zu den USA

Wir müssen davon ausgehen, dass wir wie eine Stadt auf einem Hügel sein sollen. Die Blicke aller Menschen richten sich auf uns." - John Winthrop
Diesen Satz predigte John Winthrop, ein englischer Jurist und Puritaner, kurz bevor er mit seiner kleinen Kolonie 1630 das Schiff bestieg, welches sie Arbella tauften, um in das neue, gelobte Land aufzubrechen – die schimmernde Utopie namens Amerika. Die Metapher die Stadt auf dem Hügel, inspiriert von der Bergpredigt Jesu aus dem Matthäusevangelium, ist ein Schlüsselmoment der amerikanischen Geschichte, und das obwohl es noch 145 Jahre dauern sollte, einen langwierigen Genozid der indigenen Völker, die Deportation und Versklavung Millionen Afrikaner, ein siebenjähriger Krieg zwischen den Kolonialmächten Großbritanniens und Frankreichs, eine Revolution, durch welche die erste Demokratie geboren wurde, bis Amerika durch seine Unabhängigkeit und Loslösung des britischen Weltreichs überhaupt erst zu Amerika wurde. Die Stadt auf dem Hügel – eine romantische Idee von einfachen Männern geprägt, die eine neue Welt begründen wollten. Eine Welt des Friedens, ganz und gar anders als das monarchische Europa. Die Vorstellung kleiner religiöser Gemeinschaften, weiße Hütten auf lichtverwehten Wiesen, Nächstenliebe, Felder reich an Nahrung, ohne eine höhere, willkürliche Macht - nur die Güte Gottes. Ein neues Jerusalem, das dem Rest der Welt als Vorbild dienen sollte. Selbst Jahrhunderte später ist dieser Grundgedanke allgegenwärtig in dem amerikanischen Selbstverständnis verwurzelt. Vollkommen in der erblühenden Fantasie, doch in der Praxis viel mehr ein Vorwand für falsch motivierte Taten, wie man sie in Vietnam, Afghanistan oder dem Irak sah, als ein wirkliches Martyrium. Auch Ronald Reagen, der 40. Präsident der USA, setzte diesem Nationalmythos 1974 nochmals ein Denkmal in seiner Rede, die im Fernseher ausgestrahlt wurde und sich an das gesamte Volk richtete: „Ich habe von der strahlenden Stadt mein ganzes politisches Leben lang gesprochen, aber ich weiß nicht, ob ich jemals genau das vermittelt habe, was ich sah, als ich davon sprach. Aber in meiner Vorstellung war es eine große stolze Stadt, gebaut auf Felsen stärker als Ozeane, windgepeitscht, von Gott gesegnet und von Menschen aller Art bewohnt, die in Harmonie und Frieden lebten, eine Stadt mit freien Häfen, die voller Handel und Kreativität waren, und wenn Stadtmauern nötig waren, hatten diese Wände Tore, und die Tore waren offen für alle, mit dem Willen und dem Mut zu uns zu kommen. Das ist, wie ich sie sah und immer noch sehe…“

Dann saß ich in der Subway zwischen diesen gelb-orangenen Sitzen, lautes Ruckeln und erschöpfte Gesichter. Die Menschen waren erstaunlich still und noch sah ich die Stadt nicht – ich war noch unter der Erde und mein Bein wackelte ungeduldig. Als wir schließlich an der Station angekommen waren und die Treppen mit unseren schweren Koffern aus dem Untergrund hievend hochstiegen, wurde ich von Lärm, einer chaotischen Geräuschkulisse überwältigt, die sich aus Taxihupen, lauten Gesprächen, hallendem Lachen und einem stetigen Rauschen des Straßenverkehrs zusammensetzte. Die Gebäude, Backsteinhäuser aus verschiedenen Braun- und Grautönen, türmten sich vor mir auf und ich schien mich gänzlich aufzulösen in dem Bild, das seitdem ich zwölf Jahre alt war, über meinem Bett hing und den Blick auf das Empire State Building festhielt, und welches, fantasiereich ausgeschmückt, in meinem Kinderkopf geboren wurde. Eine Verheißung aus Kinoleinwänden mit traurig guckenden Diven, die darauf aufflammten wie leuchtende Sterne, lethargische Europäer des 19. Jahrhunderts, die durch Redereien, durch Propaganda von Vermittlern, zusammengepfercht wie Vieh im Stall hunderttausendfach auf Ellis Island, klein wie Ameisen, eintrafen und in Amerika die alles erfüllende Hoffnung sahen, der Hedonismus in John Waynes Lächeln, der Exzess, der wuchernde Kapitalismus, der wie das Herzstück des Landes, pulsierend von Osten nach Westen schlägt, die weitreichenden Felder, die hohen Gräser, die sich unter dem Sternenhimmel im Wind regen und im Licht des Mondes wiegen, Theaterstücke, die hinter den Fassaden, Avenues mit bunten Reklamen verziert, Geheimnisse offenbaren, die Maschinerie Hollywoods, das Paramount Filmgelände, die Weberei von Träumen unter Palmen, die sich requisitenhaft aufschlagen wie Fächer, verruchte Bars mit Trompetengesang, die musikalische Explosion des Jazz'. Das war das Amerika, wie ich es vorher sah. Als ich durch Marilyn Monroe als Schlüsselfigur Zugang erhielt, Biografien über sie las, Dokumentationen über sie guckte und ich ein Netzwerk aus Namen erhielt, kulturelle Persönlichkeiten wie Sinatra, Nina Simone, bis hin zu Literaten wie Hemingway, Fitzgerald, Kerouac und Politikern wie Kennedy und Martin Luther King und letztendlich zur Historie des Landes, die meiner Träumerei widersprach.
Die einzigen Verknüpfungen, die sich herstellen lassen, um zu erklären, woher meine Sehnsucht rührt, sind hochstilisierte Geschichten, die von rührseligem Wert durchdrungen, aber ebenso nichtssagend sind. An einem zunächst friedlichen Nachmittag baute mein Vater mein Kinderstuhl zusammen, während ich im Nebenraum schlief. Meine Eltern schauten eine banale Quizzsendung mit einer fürchterlichen Moderatorin. Dann plötzlich, wurde das Programm unterbrochen. Man sah in den Nachrichten zwei Türme einstürzen und wie Menschen, nicht größer als kleine Punkte, aus dem Fenster sprangen. Es war der 11. September 2001 und als sie begriffen, was dort vor sich ging, lief mein Vater paralysiert vor die Haustür. Ein paar Stunden später baute er meinen Kinderstuhl fertig. Und ich denke auch an den Heimatort meines Vaters, eine kleine Stadt im Harz, zwischen sagenumwobenen Bergen liegend, wie ein Schlupfloch im Wald. Durch seine Abgeschiedenheit, sein Versteckspiel in Wäldern war es ideal für die Herstellung von Treibstoff für die sogenannte Vergeltungswaffe V2. Am Ende des Krieges zogen Amerikaner durch den Ort, plünderten Häuser, marschierten die Straßen der Einwohner entlang, die neugierig vor die Haustüren traten oder aus den Fenstern sahen. Es war einer der liebsten Geschichten meiner Großmutter, wenn sie mir erzählte, dass ein amerikanischer Soldat auf sie zukam, etwas sagte, was sie niemals in ihrem Leben begreifen sollte, und legte in ihre Hand eine Kette, die sie, bis sie starb in ihrer Schatulle wahrte, oder dicht an ihrem Herzen trug, bis sie sie mir vermochte. Obwohl der Ort von den Engländern besetzt wurde, und die Amerikaner wieder abzogen, sind bis heute Prägungen der Amerikaner zu spüren. Nichts weiter als sentimentale Zufälle? Da liegt ein Country Club an einer breiten Straße, die den Weg gen Nationalpark weist, der den Anschein erweckt, als sei man in dem Reichtum der Wälder und Berge Virginias. Da ist ein Geschäft, das sich hält, während vieles im Ort langsam marode wird und dem Zeitgeist entfällt. Ein Laden, der konföderierten Fahnen am Schaufenster hängen hat, sowie Felle, Lederjacken und Cowboystiefel. Nie sah ich einen Menschen darin. Als meine Oma noch lebte und wir sie wie jedes Jahr besuchten, fragte sie meinen Vater, wo sie damals in den 80ern, als sie mit meinem Großvater ins kommunistische Tschechien gereist waren, in seine Heimat, den mitgebrachten Wein im Ort eingepflanzt hatten. „An irgendeiner Hauswand eines verflossenen Bekannten.“ Mein Vater und ich suchten einen ganzen sonnigen Nachmittag danach, bis wir in einem Vorgarten standen und der Wein die gesamte Höhe einer Hauswand ausschmückte. Mein Vater klingelte und ein herzlicher, älterer Mann öffnete uns die Tür. Er sagte: „Nein, diesen Wein habe ich damals aus Kalifornien mitgebracht.“ Welche Bedeutsamkeit die Heimat meines Vaters biografisch für mich hat, der magische Kontext des Ortes mit seinen Bächen, Quellen und vergilbten Fotos, die durch die Hände meiner Verwandten in meine glitten – Ich sehne mich in etwa so sehr nach den Bergen im Harz, wie nach den Bergen in Amerika.
Doch nun Schluss mit der Propaganda, sie würde ohnehin nichts nützen, denn ich bin in einer Kultur aufgewachsen, die Amerika verspottet. Niemand in Europa interessiert sich mehr für den amerikanischen Traum und auch ich, als romantische Idealistin, habe ihn für tot erklärt. In der Vorlesung über die amerikanische Geschichte, die ich stets wissbegierig besucht habe in dem Hörsaal, der Sitzplätze für 250 Leute umfasst, war ich eine von Zehn, die immer anwesend waren – die meisten Stühle blieben leer. Auch wenn Amerika noch immer mit seiner glänzenden Oberfläche verzaubert – der Zuckerguss namens Popkultur – möchte kaum jemand mehr dorthin und die Reichtümer der Landschaften entdecken, weder noch sich mit der Geschichte auseinandersetzen, die das Gewand der Illusion abstreift und die fahle Identität offenbart. Nichts daran ist glorreich. Niemand denkt mehr an die frontier, den Goldrausch von 1848, der die Ländergrenzen expandierte und wie die Schätze in den rauschenden Bächen schimmerten. Oder wie die Menschen die Neugierde packte und sie sich fragten, was sich am Ende dieses weiten Landes befand – sie hungerten und monatelang unüberwindbar scheinende Gebirge, Hitze und Eiseskälte ertrugen. Niemand denkt mehr an Persönlichkeiten wie Carl Laemmle, der Filmmogul, der Universal Studios begründete, aus einer deutschen Kleinstadt in Oberschwaben entsprang, und mit seinem Schuldfreund mit nur 17 Jahren nach Amerika auswanderte. Niemand fragt sich mehr, was es wohl bedeutet haben muss, das erste Mal die Freiheitsstatue im gleißenden Licht von der Fackel anfangend, über dem Atlantik emporsteigen zu sehen, nachdem man alles in seiner Heimat aufgegeben hat. Wir denken an die Weiden im Süden mit ihrem im Wind wehendem Haar und wie man in Morgenröte leblose Körper von ihnen hängen sah. Wir denken an das Einschießloch in dem Kopf eines Mannes, der nichts anderes wollte, als gleichbehandelt zu werden. Wir stellen uns vor, wie sich undenklich viele Schuhe von Teenagern, Grundschülern vor uns auftürmen, und die sie tragen würden, wenn sie noch lebten. Wir denken an Baumwollfelder und an wehrlose Menschen auf dem Asphalt, die mit harten Knien, die sich auf ihren Hals stützen, auf den Boden gedrückt werden. Ich denke an die fernen Träume, die auf Leinwände projiziert werden, doch die Leinwände bleiben am Ende leer.

Wir müssen davon ausgehen, dass wir wie eine Stadt auf einem Hügel sein sollen. Die Blicke aller Menschen richten sich auf uns." - John Winthrop
Diesen Satz predigte John Winthrop, ein englischer Jurist und Puritaner, kurz bevor er mit seiner kleinen Kolonie 1630 das Schiff bestieg, welches sie Arbella tauften, um in das neue, gelobte Land aufzubrechen – die schimmernde Utopie namens Amerika. Die Metapher die Stadt auf dem Hügel, inspiriert von der Bergpredigt Jesu aus dem Matthäusevangelium, ist ein Schlüsselmoment der amerikanischen Geschichte, und das obwohl es noch 145 Jahre dauern sollte, einen langwierigen Genozid der indigenen Völker, die Deportation und Versklavung Millionen Afrikaner, ein siebenjähriger Krieg zwischen den Kolonialmächten Großbritanniens und Frankreichs, eine Revolution, durch welche die erste Demokratie geboren wurde, bis Amerika durch seine Unabhängigkeit und Loslösung des britischen Weltreichs überhaupt erst zu Amerika wurde. Die Stadt auf dem Hügel – eine romantische Idee von einfachen Männern geprägt, die eine neue Welt begründen wollten. Eine Welt des Friedens, ganz und gar anders als das monarchische Europa. Die Vorstellung kleiner religiöser Gemeinschaften, weiße Hütten auf lichtverwehten Wiesen, Nächstenliebe, Felder reich an Nahrung, ohne eine höhere, willkürliche Macht - nur die Güte Gottes. Ein neues Jerusalem, das dem Rest der Welt als Vorbild dienen sollte. Selbst Jahrhunderte später ist dieser Grundgedanke allgegenwärtig in dem amerikanischen Selbstverständnis verwurzelt. Vollkommen in der erblühenden Fantasie, doch in der Praxis viel mehr ein Vorwand für falsch motivierte Taten, wie man sie in Vietnam, Afghanistan oder dem Irak sah, als ein wirkliches Martyrium. Auch Ronald Reagen, der 40. Präsident der USA, setzte diesem Nationalmythos 1974 nochmals ein Denkmal in seiner Rede, die im Fernseher ausgestrahlt wurde und sich an das gesamte Volk richtete: „Ich habe von der strahlenden Stadt mein ganzes politisches Leben lang gesprochen, aber ich weiß nicht, ob ich jemals genau das vermittelt habe, was ich sah, als ich davon sprach. Aber in meiner Vorstellung war es eine große stolze Stadt, gebaut auf Felsen stärker als Ozeane, windgepeitscht, von Gott gesegnet und von Menschen aller Art bewohnt, die in Harmonie und Frieden lebten, eine Stadt mit freien Häfen, die voller Handel und Kreativität waren, und wenn Stadtmauern nötig waren, hatten diese Wände Tore, und die Tore waren offen für alle, mit dem Willen und dem Mut zu uns zu kommen. Das ist, wie ich sie sah und immer noch sehe…“

Dann saß ich in der Subway zwischen diesen gelb-orangenen Sitzen, lautes Ruckeln und erschöpfte Gesichter. Die Menschen waren erstaunlich still und noch sah ich die Stadt nicht – ich war noch unter der Erde und mein Bein wackelte ungeduldig. Als wir schließlich an der Station angekommen waren und die Treppen mit unseren schweren Koffern aus dem Untergrund hievend hochstiegen, wurde ich von Lärm, einer chaotischen Geräuschkulisse überwältigt, die sich aus Taxihupen, lauten Gesprächen, hallendem Lachen und einem stetigen Rauschen des Straßenverkehrs zusammensetzte. Die Gebäude, Backsteinhäuser aus verschiedenen Braun- und Grautönen, türmten sich vor mir auf und ich schien mich gänzlich aufzulösen in dem Bild, das seitdem ich zwölf Jahre alt war, über meinem Bett hing und den Blick auf das Empire State Building festhielt, und welches, fantasiereich ausgeschmückt, in meinem Kinderkopf geboren wurde. Eine Verheißung aus Kinoleinwänden mit traurig guckenden Diven, die darauf aufflammten wie leuchtende Sterne, lethargische Europäer des 19. Jahrhunderts, die durch Redereien, durch Propaganda von Vermittlern, zusammengepfercht wie Vieh im Stall hunderttausendfach auf Ellis Island, klein wie Ameisen, eintrafen und in Amerika die alles erfüllende Hoffnung sahen, der Hedonismus in John Waynes Lächeln, der Exzess, der wuchernde Kapitalismus, der wie das Herzstück des Landes, pulsierend von Osten nach Westen schlägt, die weitreichenden Felder, die hohen Gräser, die sich unter dem Sternenhimmel im Wind regen und im Licht des Mondes wiegen, Theaterstücke, die hinter den Fassaden, Avenues mit bunten Reklamen verziert, Geheimnisse offenbaren, die Maschinerie Hollywoods, das Paramount Filmgelände, die Weberei von Träumen unter Palmen, die sich requisitenhaft aufschlagen wie Fächer, verruchte Bars mit Trompetengesang, die musikalische Explosion des Jazz'. Das war das Amerika, wie ich es vorher sah. Als ich durch Marilyn Monroe als Schlüsselfigur Zugang erhielt, Biografien über sie las, Dokumentationen über sie guckte und ich ein Netzwerk aus Namen erhielt, kulturelle Persönlichkeiten wie Sinatra, Nina Simone, bis hin zu Literaten wie Hemingway, Fitzgerald, Kerouac und Politikern wie Kennedy und Martin Luther King und letztendlich zur Historie des Landes, die meiner Träumerei widersprach.
Die einzigen Verknüpfungen, die sich herstellen lassen, um zu erklären, woher meine Sehnsucht rührt, sind hochstilisierte Geschichten, die von rührseligem Wert durchdrungen, aber ebenso nichtssagend sind. An einem zunächst friedlichen Nachmittag baute mein Vater mein Kinderstuhl zusammen, während ich im Nebenraum schlief. Meine Eltern schauten eine banale Quizzsendung mit einer fürchterlichen Moderatorin. Dann plötzlich, wurde das Programm unterbrochen. Man sah in den Nachrichten zwei Türme einstürzen und wie Menschen, nicht größer als kleine Punkte, aus dem Fenster sprangen. Es war der 11. September 2001 und als sie begriffen, was dort vor sich ging, lief mein Vater paralysiert vor die Haustür. Ein paar Stunden später baute er meinen Kinderstuhl fertig. Und ich denke auch an den Heimatort meines Vaters, eine kleine Stadt im Harz, zwischen sagenumwobenen Bergen liegend, wie ein Schlupfloch im Wald. Durch seine Abgeschiedenheit, sein Versteckspiel in Wäldern war es ideal für die Herstellung von Treibstoff für die sogenannte Vergeltungswaffe V2. Am Ende des Krieges zogen Amerikaner durch den Ort, plünderten Häuser, marschierten die Straßen der Einwohner entlang, die neugierig vor die Haustüren traten oder aus den Fenstern sahen. Es war einer der liebsten Geschichten meiner Großmutter, wenn sie mir erzählte, dass ein amerikanischer Soldat auf sie zukam, etwas sagte, was sie niemals in ihrem Leben begreifen sollte, und legte in ihre Hand eine Kette, die sie, bis sie starb in ihrer Schatulle wahrte, oder dicht an ihrem Herzen trug, bis sie sie mir vermochte. Obwohl der Ort von den Engländern besetzt wurde, und die Amerikaner wieder abzogen, sind bis heute Prägungen der Amerikaner zu spüren. Nichts weiter als sentimentale Zufälle? Da liegt ein Country Club an einer breiten Straße, die den Weg gen Nationalpark weist, der den Anschein erweckt, als sei man in dem Reichtum der Wälder und Berge Virginias. Da ist ein Geschäft, das sich hält, während vieles im Ort langsam marode wird und dem Zeitgeist entfällt. Ein Laden, der konföderierten Fahnen am Schaufenster hängen hat, sowie Felle, Lederjacken und Cowboystiefel. Nie sah ich einen Menschen darin. Als meine Oma noch lebte und wir sie wie jedes Jahr besuchten, fragte sie meinen Vater, wo sie damals in den 80ern, als sie mit meinem Großvater ins kommunistische Tschechien gereist waren, in seine Heimat, den mitgebrachten Wein im Ort eingepflanzt hatten. „An irgendeiner Hauswand eines verflossenen Bekannten.“ Mein Vater und ich suchten einen ganzen sonnigen Nachmittag danach, bis wir in einem Vorgarten standen und der Wein die gesamte Höhe einer Hauswand ausschmückte. Mein Vater klingelte und ein herzlicher, älterer Mann öffnete uns die Tür. Er sagte: „Nein, diesen Wein habe ich damals aus Kalifornien mitgebracht.“ Welche Bedeutsamkeit die Heimat meines Vaters biografisch für mich hat, der magische Kontext des Ortes mit seinen Bächen, Quellen und vergilbten Fotos, die durch die Hände meiner Verwandten in meine glitten – Ich sehne mich in etwa so sehr nach den Bergen im Harz, wie nach den Bergen in Amerika.
Doch nun Schluss mit der Propaganda, sie würde ohnehin nichts nützen, denn ich bin in einer Kultur aufgewachsen, die Amerika verspottet. Niemand in Europa interessiert sich mehr für den amerikanischen Traum und auch ich, als romantische Idealistin, habe ihn für tot erklärt. In der Vorlesung über die amerikanische Geschichte, die ich stets wissbegierig besucht habe in dem Hörsaal, der Sitzplätze für 250 Leute umfasst, war ich eine von Zehn, die immer anwesend waren – die meisten Stühle blieben leer. Auch wenn Amerika noch immer mit seiner glänzenden Oberfläche verzaubert – der Zuckerguss namens Popkultur – möchte kaum jemand mehr dorthin und die Reichtümer der Landschaften entdecken, weder noch sich mit der Geschichte auseinandersetzen, die das Gewand der Illusion abstreift und die fahle Identität offenbart. Nichts daran ist glorreich. Niemand denkt mehr an die frontier, den Goldrausch von 1848, der die Ländergrenzen expandierte und wie die Schätze in den rauschenden Bächen schimmerten. Oder wie die Menschen die Neugierde packte und sie sich fragten, was sich am Ende dieses weiten Landes befand – sie hungerten und monatelang unüberwindbar scheinende Gebirge, Hitze und Eiseskälte ertrugen. Niemand denkt mehr an Persönlichkeiten wie Carl Laemmle, der Filmmogul, der Universal Studios begründete, aus einer deutschen Kleinstadt in Oberschwaben entsprang, und mit seinem Schuldfreund mit nur 17 Jahren nach Amerika auswanderte. Niemand fragt sich mehr, was es wohl bedeutet haben muss, das erste Mal die Freiheitsstatue im gleißenden Licht von der Fackel anfangend, über dem Atlantik emporsteigen zu sehen, nachdem man alles in seiner Heimat aufgegeben hat. Wir denken an die Weiden im Süden mit ihrem im Wind wehendem Haar und wie man in Morgenröte leblose Körper von ihnen hängen sah. Wir denken an das Einschießloch in dem Kopf eines Mannes, der nichts anderes wollte, als gleichbehandelt zu werden. Wir stellen uns vor, wie sich undenklich viele Schuhe von Teenagern, Grundschülern vor uns auftürmen, und die sie tragen würden, wenn sie noch lebten. Wir denken an Baumwollfelder und an wehrlose Menschen auf dem Asphalt, die mit harten Knien, die sich auf ihren Hals stützen, auf den Boden gedrückt werden. Ich denke an die fernen Träume, die auf Leinwände projiziert werden, doch die Leinwände bleiben am Ende leer.

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