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Josies Werke

Josies Werke

Gedanken über Ignoranz

Gedanken über Ignoranz

Wer heutzutage denkt, dass sich das Bekennen zu einer rechts ausgerichteten Politik nur insofern äußert, Springerstiefel zu tragen oder die AfD zu wählen, scheint sich wohl der breiten Mittelschicht zuzuordnen, die sich feierlich als neutral deklariert. Die Annahme, dass kein Handeln auch keine Wirkung mit sich zieht, beunruhigt mich fast noch mehr, als eine klare Gegenposition zu notwendigem Fortschritt. Wer diese falsche Annahme verteidigt und nicht wahrhaben will, dass auch aus keinem Handeln, Wirkung erzeugt wird, scheint sich eher vor der Reaktion und Konsequenz zu fürchten, die einem scheinbar bei keinem Handeln nicht begegnet und ausbleibt. Man versucht geschickt der Anklage der Moral zu entgehen, denn der Verstoß gegen Moral bedeutet Schuld. Vor allem aber bedeutet die Beteiligung an dem moralischen Kompass einer Gesellschaft, Verantwortung zu tragen. So neigen viele Menschen dazu sich für eine bequemere Variante zu entscheiden – sich mit einem kuscheligen, unscheinbaren Mantel zu bekleiden, der kostenfrei und in allen Größen vorhanden ist. Dieser wohlige Mantel nennt sich Ignoranz.
Doch auch Ignoranz ist eine bewusste Entscheidung und vielleicht sogar eine viel erschreckendere – man sieht, hört und erkennt Leid, doch wählt dennoch den Pfad der trügerischen Blindheit. Die schweigsame Mittelschicht, so wie ich sie nenne, soll vorerst viel weniger in einem sozioökonomischen Kontext verstanden werden, als in einem rein Politischen (Das Einkommen dieser Schicht bietet viel Erklärung für ihr politisches nicht-handeln). Sie bezeichnen sich als Vertreter des Friedens und empfinden jede Veränderung, jeden kulturellen Umschwung, als eine Bedrohung. Sie sind die Mitte „die alles zusammenhält“ und somit rechten, als auch linken Radikalismus „neutralisiert“. Durch ihre pragmatische Mentalität verstehen sie die Demokratie als ein Konzept ohne Handlungsspielraum – als ein vollendetes, logisches Produkt. Mein Verständnis von Demokratie hingegen ist ein anderes. Für mich ist Demokratie eine unvollkommene Idee, aber dennoch der vollkommenste Weg, den wir als Kollektiv wählen können. Sie ist wie ein Aquarellbild – flüchtig, verfließend und es gilt sie genaustens zu betrachten. Jeder falsche Pinselstrich könnte die Farbe des Bildes verändern – die blauen Freiheitsfarben in Farben der Dunkelheit abwandeln. Die Grundstruktur des Bildes – der gesetzliche Maßstab der Demokratie – darf nicht verloren gehen. Es ist ein stetiger Kampf die Reichtümer der Demokratie zu verteidigen und zu wahren und diejenigen, die sich dieser Pflicht entziehen, sind lediglich Beobachter dieses endlichen Gemäldes und sind den Umständen wehrlos gegenübergestellt. Passivität schreibt dem Bösen einen Sinn zu – sie untermauert ihre Unvernunft und rechtfertigt ihr unmoralisches Bestehen. Schweigen ist das Triebwerk des Bösen. Wer nicht handelt sagt aus, dass keine Probleme existieren. Ich fürchte mich vor Menschen – und dieses Phänomen ist breitgefächert – die der Meinung sind, dass das bloße Bestehen einer Demokratie ausreicht, um von Frieden sprechen zu können. Ich fürchte mich vor Menschen, die sich für originell halten, wenn sie die Sinnsuche als abgeschlossen verklären. Ich bin fasziniert von den Menschen, die noch immer suchen. Der Philosoph Karl Popper stellte mit seinem Toleranz-Paradox 1945 eine interessante Theorie auf: „Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz.“ Es reicht nicht aus nicht rassistisch zu sein, nicht sexistisch oder nicht homophob. Es vermag Auseinandersetzung, Aufklärung und aktives Handeln um gesellschaftspolitische Probleme zu lösen.


ree

"George Floyd"


Man muss sich darüber im Klaren werden, dass man als weißer Mensch Privilegien besitzt, die einem ohne erbrachte Leistung in die Wiege gelegt werden. Man kann sie nicht abschütteln und versuchen so zu tun, als würden sie nicht existieren, wenn wir in einem System leben, in einer Gesellschaft mit einer Politik, die sich davon nährt und diese Werte vermittelt. Es ist unsere Aufgabe eine Verantwortung darin zu erkennen diese Privilegien zu besitzen – ihrem sinnlosen Bestehen einen Zweck zuzuschreiben, indem wir sie als ein Werkzeug nutzen, um auf Minderheiten und Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen. Wir müssen unsere Stimmen nutzen, um auf unterdrückte Stimmen zu verweisen. Wir müssen realisieren, dass es Menschen gibt, die immer härter um ihre Ideale kämpfen müssen, als wir es tun. Das Problem des Kleinbürgertums ist ihre Abhängigkeit des Geldes. Mit ihren trägen, doch scharfen Zungen kritisieren sie den Kapitalismus unentwegt - die Einkommensverteilung und die „Gier der Reichen“. Doch die traurige Wahrheit ist, dass sich das Zentrum ihres Lebens viel mehr auf der Frage des Geldes begründet. Politik bedeutet in ihren Augen Wirtschaft. Politik bedeutet nicht Moral. Und das obwohl sie es sind, die sich an dem kapitalistischen System bedienen können – anders als Minderheiten, die noch immer mit Ausgrenzung konfrontiert werden. Denn das ist das wahre Problem des Kapitalismus – das nicht alle gleichermaßen daran teilhaben können. Ihr Horizont beschränkt sich auf die ständige Angst ihre Sicherheit und Stabilität zu verlieren, die nur unter dem Schutz des Geldes gestillt werden kann. Gehen wir hierbei von der weißen, christlichen Mittelschicht aus, ist diese Angst unbegründet, denn sie sind stetig imstande sich demokratischer Ressourcen zu bedienen. Ihre Angst ist nicht nur unbegründet – sie ist neurotisch und selbstsüchtig. Ich hörte oft von der Kritik, die unserer Jugendkultur galt und dass es wohl besser wäre ihnen das Recht auf eine politische Identität abzusprechen, oder merkte, dass sie für ihre Taten belächelt wurden. Nicht selten wird die neue Bewegung, dessen Bestehen durch viele Ereignisse ausgelöst wurde (unter anderem durch die 2019 von Greta Thunberg herbeigeführte globale, soziale Bewegung „Fridays For Future“, oder die im Oktober 2017 entstandene „Me too“ Debatte, die bei vielen jungen Frauen und Mädchen ein feministisches Bewusstsein bewirkt hat), als ein Lebensstil abgewertet, anstatt die bereits erreichten Fortschritte zu honorieren, wohingegen die Regierungen der westlichen Welt in vielerlei Hinsicht versagt haben. Ich persönlich halte das Aufbegehren der jungen Menschen nicht für ein eigennütziges Handeln und reduziere ihren Aktivismus, selbst wenn er bei einer Vielzahl nur über soziale Medien stattzufinden scheint, nicht als eine auf Individualismus bedachte Selbstdarstellung, die für ihren Ausdruck Politik missbraucht, sondern für einen wahrhaftigen Wandel, der nicht beim Bestücken von alternativer Kleidung beginnt, oder beim Rauchen von Marihuana, sondern im Geiste dieser teilweise noch Kinder, die in ihrem Alter eigentlich noch nicht mit einer solchen Bürde und einem solchen Weltschmerz konfrontiert werden sollten. Doch sie sind gezwungen es zu tun, wenn sich die Erwachsenen dieser Verantwortung entziehen. Wer sich weiterhin an die Phrase bindet, dass keine Probleme mehr bestünden und wer sich trotzig gegen die Anerkennung des Wandels wehrt, scheint nicht etwa in einer Gesellschaft zu leben, die sich vor lauter erreichtem utopischen Status Konflikte selbst konstruiert, sondern in einer, die im Komfort zu versinken droht und in den Unannehmlichkeiten keinen Platz finden. Die Traurigkeit des kleinen Mannes ist das Verhängnis seiner eigenen Unzulänglichkeit, die sich unweigerlich auf die Welt auswirkt. Denn wer sich selbst fremd ist, begegnet auch der Außenwelt mit Entfremdung.


Mai 2021

Wer heutzutage denkt, dass sich das Bekennen zu einer rechts ausgerichteten Politik nur insofern äußert, Springerstiefel zu tragen oder die AfD zu wählen, scheint sich wohl der breiten Mittelschicht zuzuordnen, die sich feierlich als neutral deklariert. Die Annahme, dass kein Handeln auch keine Wirkung mit sich zieht, beunruhigt mich fast noch mehr, als eine klare Gegenposition zu notwendigem Fortschritt. Wer diese falsche Annahme verteidigt und nicht wahrhaben will, dass auch aus keinem Handeln, Wirkung erzeugt wird, scheint sich eher vor der Reaktion und Konsequenz zu fürchten, die einem scheinbar bei keinem Handeln nicht begegnet und ausbleibt. Man versucht geschickt der Anklage der Moral zu entgehen, denn der Verstoß gegen Moral bedeutet Schuld. Vor allem aber bedeutet die Beteiligung an dem moralischen Kompass einer Gesellschaft, Verantwortung zu tragen. So neigen viele Menschen dazu sich für eine bequemere Variante zu entscheiden – sich mit einem kuscheligen, unscheinbaren Mantel zu bekleiden, der kostenfrei und in allen Größen vorhanden ist. Dieser wohlige Mantel nennt sich Ignoranz.
Doch auch Ignoranz ist eine bewusste Entscheidung und vielleicht sogar eine viel erschreckendere – man sieht, hört und erkennt Leid, doch wählt dennoch den Pfad der trügerischen Blindheit. Die schweigsame Mittelschicht, so wie ich sie nenne, soll vorerst viel weniger in einem sozioökonomischen Kontext verstanden werden, als in einem rein Politischen (Das Einkommen dieser Schicht bietet viel Erklärung für ihr politisches nicht-handeln). Sie bezeichnen sich als Vertreter des Friedens und empfinden jede Veränderung, jeden kulturellen Umschwung, als eine Bedrohung. Sie sind die Mitte „die alles zusammenhält“ und somit rechten, als auch linken Radikalismus „neutralisiert“. Durch ihre pragmatische Mentalität verstehen sie die Demokratie als ein Konzept ohne Handlungsspielraum – als ein vollendetes, logisches Produkt. Mein Verständnis von Demokratie hingegen ist ein anderes. Für mich ist Demokratie eine unvollkommene Idee, aber dennoch der vollkommenste Weg, den wir als Kollektiv wählen können. Sie ist wie ein Aquarellbild – flüchtig, verfließend und es gilt sie genaustens zu betrachten. Jeder falsche Pinselstrich könnte die Farbe des Bildes verändern – die blauen Freiheitsfarben in Farben der Dunkelheit abwandeln. Die Grundstruktur des Bildes – der gesetzliche Maßstab der Demokratie – darf nicht verloren gehen. Es ist ein stetiger Kampf die Reichtümer der Demokratie zu verteidigen und zu wahren und diejenigen, die sich dieser Pflicht entziehen, sind lediglich Beobachter dieses endlichen Gemäldes und sind den Umständen wehrlos gegenübergestellt. Passivität schreibt dem Bösen einen Sinn zu – sie untermauert ihre Unvernunft und rechtfertigt ihr unmoralisches Bestehen. Schweigen ist das Triebwerk des Bösen. Wer nicht handelt sagt aus, dass keine Probleme existieren. Ich fürchte mich vor Menschen – und dieses Phänomen ist breitgefächert – die der Meinung sind, dass das bloße Bestehen einer Demokratie ausreicht, um von Frieden sprechen zu können. Ich fürchte mich vor Menschen, die sich für originell halten, wenn sie die Sinnsuche als abgeschlossen verklären. Ich bin fasziniert von den Menschen, die noch immer suchen. Der Philosoph Karl Popper stellte mit seinem Toleranz-Paradox 1945 eine interessante Theorie auf: „Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz.“ Es reicht nicht aus nicht rassistisch zu sein, nicht sexistisch oder nicht homophob. Es vermag Auseinandersetzung, Aufklärung und aktives Handeln um gesellschaftspolitische Probleme zu lösen.


ree

"George Floyd"


Man muss sich darüber im Klaren werden, dass man als weißer Mensch Privilegien besitzt, die einem ohne erbrachte Leistung in die Wiege gelegt werden. Man kann sie nicht abschütteln und versuchen so zu tun, als würden sie nicht existieren, wenn wir in einem System leben, in einer Gesellschaft mit einer Politik, die sich davon nährt und diese Werte vermittelt. Es ist unsere Aufgabe eine Verantwortung darin zu erkennen diese Privilegien zu besitzen – ihrem sinnlosen Bestehen einen Zweck zuzuschreiben, indem wir sie als ein Werkzeug nutzen, um auf Minderheiten und Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen. Wir müssen unsere Stimmen nutzen, um auf unterdrückte Stimmen zu verweisen. Wir müssen realisieren, dass es Menschen gibt, die immer härter um ihre Ideale kämpfen müssen, als wir es tun. Das Problem des Kleinbürgertums ist ihre Abhängigkeit des Geldes. Mit ihren trägen, doch scharfen Zungen kritisieren sie den Kapitalismus unentwegt - die Einkommensverteilung und die „Gier der Reichen“. Doch die traurige Wahrheit ist, dass sich das Zentrum ihres Lebens viel mehr auf der Frage des Geldes begründet. Politik bedeutet in ihren Augen Wirtschaft. Politik bedeutet nicht Moral. Und das obwohl sie es sind, die sich an dem kapitalistischen System bedienen können – anders als Minderheiten, die noch immer mit Ausgrenzung konfrontiert werden. Denn das ist das wahre Problem des Kapitalismus – das nicht alle gleichermaßen daran teilhaben können. Ihr Horizont beschränkt sich auf die ständige Angst ihre Sicherheit und Stabilität zu verlieren, die nur unter dem Schutz des Geldes gestillt werden kann. Gehen wir hierbei von der weißen, christlichen Mittelschicht aus, ist diese Angst unbegründet, denn sie sind stetig imstande sich demokratischer Ressourcen zu bedienen. Ihre Angst ist nicht nur unbegründet – sie ist neurotisch und selbstsüchtig. Ich hörte oft von der Kritik, die unserer Jugendkultur galt und dass es wohl besser wäre ihnen das Recht auf eine politische Identität abzusprechen, oder merkte, dass sie für ihre Taten belächelt wurden. Nicht selten wird die neue Bewegung, dessen Bestehen durch viele Ereignisse ausgelöst wurde (unter anderem durch die 2019 von Greta Thunberg herbeigeführte globale, soziale Bewegung „Fridays For Future“, oder die im Oktober 2017 entstandene „Me too“ Debatte, die bei vielen jungen Frauen und Mädchen ein feministisches Bewusstsein bewirkt hat), als ein Lebensstil abgewertet, anstatt die bereits erreichten Fortschritte zu honorieren, wohingegen die Regierungen der westlichen Welt in vielerlei Hinsicht versagt haben. Ich persönlich halte das Aufbegehren der jungen Menschen nicht für ein eigennütziges Handeln und reduziere ihren Aktivismus, selbst wenn er bei einer Vielzahl nur über soziale Medien stattzufinden scheint, nicht als eine auf Individualismus bedachte Selbstdarstellung, die für ihren Ausdruck Politik missbraucht, sondern für einen wahrhaftigen Wandel, der nicht beim Bestücken von alternativer Kleidung beginnt, oder beim Rauchen von Marihuana, sondern im Geiste dieser teilweise noch Kinder, die in ihrem Alter eigentlich noch nicht mit einer solchen Bürde und einem solchen Weltschmerz konfrontiert werden sollten. Doch sie sind gezwungen es zu tun, wenn sich die Erwachsenen dieser Verantwortung entziehen. Wer sich weiterhin an die Phrase bindet, dass keine Probleme mehr bestünden und wer sich trotzig gegen die Anerkennung des Wandels wehrt, scheint nicht etwa in einer Gesellschaft zu leben, die sich vor lauter erreichtem utopischen Status Konflikte selbst konstruiert, sondern in einer, die im Komfort zu versinken droht und in den Unannehmlichkeiten keinen Platz finden. Die Traurigkeit des kleinen Mannes ist das Verhängnis seiner eigenen Unzulänglichkeit, die sich unweigerlich auf die Welt auswirkt. Denn wer sich selbst fremd ist, begegnet auch der Außenwelt mit Entfremdung.


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