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Josies Werke

Josies Werke

Eine Tochter über ihren Vater

Eine Tochter über ihren Vater

Ein Interview über den 2. Weltkrieg

Ich bin bei meiner Großtante zu Besuch. In Bad Lauterberg - einer kleinen Stadt zwischen blauen Bergen. Sie ist 93 Jahre alt und hat Haar, das weiß wie eine Wolke ist. Sie ist groß und schlank und ihre Augen sind sprunghaft und lebendig – so wie immer. Als hätte es eine Versprechung gegeben, einen Pakt mit Gott, dass es immer so sein würde. Sie begrüßt uns an der Tür mit einer herzlichen Umarmung und lässt uns in ihre Wohnung hinein. Wir haben Tortenstücke von einer Konditorei dabei auf die Papa und ich bereits seit Tagen gierig warten. Die Küche ist wie jedes andere Zimmer klein, doch in jeder Ecke ausgefüllt mit Liebe; jede Ecke verspricht eine Kleinigkeit wie Stickereien oder Bilder. Ansammlungen aus mehreren Jahrzehnten. Niemand, der ein junges Leben besitzt, könnte eine solche Wohnung jemals imitieren. Eine Ansammlung aus Zufällen, die ihre Persönlichkeit zum Ausdruck bringen. Geschenke von Menschen, die ihr Leben reicher, kurz gestrichen und irgendwann für immer verlassen haben. Kaum einer ihrer alten Freunde lebt noch. Wenn sie Geschichten erzählt, fallen die Namen von Toten. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen meiner Tante und meiner verstorbenen Oma – Tante Elisabeth versteckt sich nicht in der Vergangenheit. Ihre liebste Art zu leben, ist es immer noch in der Gegenwart zu leben. Sie nutzt die Vergangenheit um zu verstehen, um einzuordnen, was geschehen ist.


Wie alt warst du als der Krieg begonnen hat?

E: Da war ich zehn Jahre alt.


Wie war es in der Schule? Was wurde dort gelehrt?

E: Am Anfang war ich noch zu jung, um diese ganzen politischen Sachen einzuordnen. Was da später natürlich zu tragen kam war, dass unser Vater politisch verfolgt war.


Wann hast du für das alles ein Bewusstsein bekommen, dass das was geschah falsch war?

E: Das war, als sich der Krieg dem Ende neigte. Es war früher alles geprägt durch die Hitlerjugend. Du musstest in der Hitlerjugend sein. Wenn du da nicht drinnen warst, dann wurdest du wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt. Aber so richtig bewusst wurde einem das erst nach Kriegsende. Man merkte langsam, dass du nicht so akzeptiert wurdest wie du warst, sondern dass du nach deinem Glauben und Gewissen beurteilt wurdest.


Was hattet ihr für Unterrichtsfächer in der Schule?

E: Ja, das war anders als heute – rechnen, Aufsatz schreiben. Es ging meistens nur um Kriegsereignisse.


Hattet ihr Rassenlehre an der Schule?

E: Nein, gar nicht. Es gab ja nur eine Rasse. Das waren die hundertprozentigen Germanen. Reinrassige Deutsche. Das war unter Hitler so gewesen. Du sahst nicht aus wie ein Jude, aber wenn es in deinen Papieren stand, wurdest du so behandelt. Ja, wir waren Deutsche, aber durch die politische Verfolgung meines Vaters, was bei ihm auch im Soldbuch vermerkt wurde, wurden wir auch herabgewürdigt.


Elisabeth Büchner als junges Mädchen


Also wurde in der Schule überhaupt nicht über Juden gesprochen?

E: Nein, das war ein Tabuthema. Niemand durfte Fragen stellen – der Lehrer diktierte und das hattest du dann zu befolgen. Ich kann dir mal von einer Begebenheit erzählen. Das war im letzten Schuljahr. Wir haben ein Diktat bekommen und der Lehrer stand neben mir und je mehr Fehler ich gemacht habe, desto öfter habe ich eine Ohrfeige bekommen. Den Lehrer, nachdem ich aus der Schule raus war, der konnte mir auf der Straße begegnen, den habe ich nicht mehr gegrüßt. Ich konnte ihn nicht mehr grüßen. Und früher gab es das nicht, dass man seinen Eltern davon mitgeteilt hat und sich die Eltern bei der Schule beschwert haben. Lehrer, Pastor, Apotheker – waren zu meinen Zeiten noch die Persönlichkeiten, die man grüßen musste und vor denen man Respekt zeigen musste.


War dein Vater ein Kriegsgegner?

E: Er war nicht direkt Kriegsgegner. Im ersten Weltkrieg war er zwar kein Soldat, aber später war er im 100.000 Mann Heer, wo er 1925 auch meine Mutter kennengelernt hat. Als sie nachher nach Lauterberg kamen, durch meinen Onkel, sind sie in die kommunistische Partei hineingerutscht. Bad Lauterberg war damals sowieso sehr rot und linksorientiert. Aber damit ist nicht die Art von Kommunismus gemeint, wie die Russen ihn später verbreitet haben. Den wollten meine Mutter, mein Onkel und mein Vater nicht – sie wollten einen sozialistischen Kommunismus. Sie waren keine direkten Mitglieder, aber sagen wir, Sympathisanten und haben Flugblätter auf unserem Dachboden versteckt. Das war sehr gefährlich. Diese sogenannten Kriegsgegner wurden dann als erste eingezogen. Man sagte damals zu ihnen „Kanonenfutter“. Und das war dann das, was wir damals miterlebt haben. 1933 bei Hitlers Machtergreifung haben sie meinen Vater geholt. Das habe ich noch sehr lebendig vor Augen, wenn ich davon spreche. Ich stand auf meinem Kinderbett, das mit dem Bett meiner Schwester Anneliese in der Stube stand, und habe geweint. Unsere Nachbarin Frau Luthin hat zu den SA-Leuten gesagt: „Was wollt ihr mit dem Mann? Er hat niemandem was getan.“ Die hätten sie damals für diesen einen Satz schon einsperren können. Mein Vater kam dann in eine Zelle, zwischenzeitlich nach Osterode und dann nach Moringen.


Alfred Büchner in den 1920er Jahren


War das ein Arbeitslager?

E: Das war ein regelrechtes Konzentrationslager. Zu der Zeit, wo mein Vater in Moringen war, war Onkel Ernst auch da. Der hat uns das aber erst erzählt, als mein Vater später aus dem Krieg nicht wiedergekommen ist. Wenn sie meinem Vater unten im Keller verdroschen haben, hat er das oben in der Zelle gehört, wenn er geschrien hat. Danach war mein Vater auch Moorsoldat in Ostfriesland.


Zu den Moorsoldaten wurde damals auch ein Lied gedichtet.


Wohin auch das Auge blicket
Moor und Heide nur ringsrum
Vogelsang uns nicht erquicket
Eichen stehen stahl und krumm
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten ins Moor!


Hier in dieser öden Heide
ist das Lager aufgebaut
Wo wir fern von jeder Freude
hinter Stacheldraht verstaut
Wir sind die Moorsoldaten...


Morgens ziehen die Kolonen
in das Moor zur Arbeit hin
Graben bei dem Brand der Sonne
doch zur Heimat steht der Sinn
Wir sind die Moorsoldaten...


Heimwärts, heimwärts jeder sehnet
zu den Eltern, Weib und Kind
Manche Brust ein Seufzer dehnet
weil wir hier gefangen sind
Wir sind die Moorsoldaten...


Auf und nieder geh'n die Posten
keiner, keiner kann hindurch
Flucht wird nur das Leben kosten
Vierfach ist umzäumt die Burg
Wir sind die Moorsoldaten...


Doch für uns gibt es kein Klagen
ewig kann's nicht Winter sein
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, du bist wieder mein
Dann zieh'n die die Moorsoldaten
nicht mehr mit dem Spaten ins Moor


Hat euer Vater euch früher auch seine politische Einstellung vermittelt?

E: Nein, das war ein Tabuthema.


Weil sie Angst hatten euch in Gefahr zu bringen?

E: Genau. Unsere Mutter hat nachher auch kaum darüber gesprochen. Das war für sie eine schwere Zeit. Und dass dann unser Vater nicht wiedergekommen ist – das hat alles nochmal verschlimmert. Sie ist nicht auf den Friedhof gegangen. Sie konnte da nicht hingehen, weil sie nie wusste, was wirklich mit ihrem Ehemann geschehen war, wo er geblieben ist.


Familie Büchner


Hast du denn damals hinterfragt, warum sie deinen Vater dorthin gebracht haben?

E: Nein, damals noch nicht. Nachher hat man sich ja selber informiert, als ich dann alt genug war. Damals hatten wir keine Möglichkeiten so wie ihr heutzutage. Wir hatten keine technischen Möglichkeiten, um uns wirklich zu informieren. Wer hatte schon ein Telefon? Selbst das hat es erst viel später gegeben. Wir hatten ein Radio, das sich mein Vater damals gekauft hatte. Einen Volksempfänger. Den hatte er sich damals zum Boxwettkampf von Max Schmeling, der in Amerika stattfand, geholt. Selbst Zeitungen konnte sich nicht jeder leisten. Das war alles eine finanzielle Sache. Wir haben uns also erst später unsere eigene Meinung gebildet, als der Krieg vorbei war. Da kam alles raus. Ich war erst 15 als der Krieg vorbei war und dann hast du eins und eins zusammengezählt.

E: Mein Vater kam nach 2 Jahren wieder nach Hause und er hat mit uns auch nicht über sein Leiden gesprochen, was er erlebt hat. Dann hat er etliche Jahre wieder gearbeitet und wurde dann im Sommer 1944 zum zweiten Mal eingezogen. Er hatte bei der Lauterberger Blechwarenfarbrik gearbeitet und dort wurde der Sohn von dem Meister von der Wehrmacht eingezogen. Aber da es ein Kriegswichtiger Betrieb war, wurde der Sohn reklamiert und jemand anderes musste ausgewählt werden. Und so musste mein Vater gehen. An Annelieses Geburtstag bekamen wir den letzten Brief.


Hast du denn unter deinen Freundinnen über den Krieg gesprochen?

E: Nein. Da möchte ich dir aber von einer späteren Begebenheit von mir und alten Schulkameraden erzählen, die ich bei einem Klassentreffen wiedergesehen habe. Da habe ich einen alten Mitschüler getroffen, der früher natürlich in der Hitlerjugend war. Und er gehörte zu denjenigen, die sehr fanatisch waren und der mit Leidenschaft dabei war. Sein Vater war damals auch bei der Polizei, die sehr rechts gewesen ist. Jedenfalls haben wir uns zum Essen getroffen und er schwärmte immer noch von Hitler und seiner Ideologie. Und dann habe ich gesagt: „Ich möchte dieses Thema nicht hier bei unserem Beisammensein haben. Ihr könnt euch unterhalten, aber ich möchte nicht dabei sein! Das ist ein Kapitel für mich, das ich abgeschlossen habe und das ich nicht haben möchte. Meine Eltern waren anders als eure Eltern.“ Und dann war das Thema für mich erledigt und sie haben sich auch danach gerichtet. Aber ansonsten, ganz früher, wurde nicht darüber gesprochen. Auch nach dem Krieg nicht. Du musst dir das so vorstellen Josie, wie jetzt nach der Pandemie: alle wollten leben, endlich wieder etwas erleben! Da hatten wir andere Interessen. Es ist wie heute, bloß mit anderen Voraussetzungen. Wir konnten unser Leben nicht sofort wieder gestalten, denn wir hatten kein Geld. Es gab noch Lebensmittelmarken und das alles. Aber wir wollten tanzen gehen! Vor allem als die Engländer später hier waren, wo man auch häufig von ihnen aufgefordert wurde.


Nach dem Kriegsende kam ja heraus, was mit den Juden passiert ist – mit dem Holocaust – wie wurde darauf reagiert?

E: Ja, das haben viele geleugnet. Viele tun es ja immer noch bis heute. Aber als wir nach dem Krieg erfuhren was mit meinem Vater in den Arbeitslagern passiert ist, haben wir auch davon erfahren, dass er nicht nur mit politisch Verfolgten zusammen war, sondern auch mit Juden, die allerdings schnell aussortiert und in richtige Konzentrationslager transportiert wurden. Dass es so etwas wie Konzentrationslager gab, erfuhren wir erst ein Jahr bevor der Krieg zu Ende war. Es wurde vorher alles geleugnet, sowie Putin jetzt alles in Russland leugnet. Das sind die Machtmenschen mit ihrer Propaganda.


Was würdest du sagen, war der prägendste Augenblick den du während des Krieges erlebt hast? Der dich verändert hat?

E: Das war als wir in den Bunker mussten, nachdem die Bomben gefallen waren. Und als ich all diese Menschen in Angst dort drinnen sitzen sah. Es war eine warme Aprilnacht und kaum waren wir im Bunker drinnen, bekamen wir keine Luft mehr, weil die Luft darin verbraucht war. Die Menschen die schon länger in dem Bunker saßen, waren daran gewöhnt, aber wir haben das Schlag auf Schlag von der Frischluft draußen nicht verkraftet. Dann sind wir zu meinem Onkel aus dem Tal raus zu seinem Notbunker gelaufen – eine alte Laubhütte. Da haben wir eine Nacht verbracht. Danach sind die Amerikaner gekommen. Noch ein prägendes Erlebnis war, als ich den ersten Toten gesehen habe. Ein Schulkamerad von mir. Wir sind die Hauptstraße runtergegangen, weil wir meine Tante gesucht haben und da lag er erschossen in seiner HJ Uniform. Am wohl Prägendsten war aber, als sich mein Vater nach Kriegsende angeblich gemeldet hatte und von Frankfurt Oder die ersten Transporte wiederkamen. 1946 war das. Da ging ein Reporter an einem Zug entlang und hat die Kriegsgefangenen interviewt und gefragt, wo sie herkommen. Und an dem Abend haben sich drei Lauterberger gemeldet. Mein Onkel klopfte dann zur Sperrstunde nachts an unser Schlafzimmerfenster und erzählte uns: „Alfred hat sich gemeldet. Aber noch unter eurem alten Wohnort.“ Und das obwohl mein Vater unser neues Heim bereits kannte, als er im Krieg einmal auf Urlaub zu uns kam. Er kehrte nie wieder nach Hause zurück. Zwei von den drei Lauterbergern aus Russland sind zurückgekommen, aber von meinem Vater fehlte jede Spur. Und ich lass mich nicht davon abbringen, dass sich jemand Fremdes als mein Vater ausgegeben hat, es sich zu Nutzen gemacht hat, dass er ein Gegner Hitlers war. Denn in seinem letzten Brief schrieb er uns auch, dass er all seine Papier verloren hatte. Und dann gab es Verwandtschaft, eine Schwester meiner Mutter, die ganz frech auf Lauterberger Platt meinte: „Wo der wohl steckt? Der wird wohl drüben geblieben sein.“ Aber ich weiß, unser Vater hätte uns niemals freiwillig verlassen. Er war ein Familienmensch. Ein Gemütsmensch.


Alfred Büchner in den 1930er Jahren


Kennst du den Begriff Kollektivschuld und glaubst du daran?

E: Ja, das ist die Schuld, die uns von unseren Vorfahren aufgebürdet wird und diese Kollektivschuld haben wir ja immer noch. Und deswegen kann man auch verstehen, dass die Regierung damals es so gehandhabt hat, dass Deutschland sich nicht mehr an Kriegen beteiligen darf. Und diese Forderungen, die zum Teil der ukrainische Präsident uns stellt, sind nicht gerechtfertigt. Aber es ist sowieso ganz egal wie wir handeln oder reagieren: die Schuld fällt so oder so auf Deutschland zurück. Das, was jetzt mit der Ukraine geschieht, trifft mich sehr. Niemand hat aus dem letzten Krieg gelernt. In Europa gab es über 70 Jahre keinen Krieg. Wir müssten zufrieden sein.


Was möchtest du den Menschen mit deinen Erfahrungen vermitteln?

E: Miteinander reden, sowie wir es auch bisher gemacht haben. Aber der Putin hat sich nicht darum geschert. Er hat nur sein Ding durchgezogen und das allgemeine Volk bleibt dumm. Die sich wehren, werden eingesperrt. Wie kann man sich gegen einen Menschen, der so viel Macht besitzt, schon wehren? Wie will man das machen? Meine Mutter hat früher immer gesagt: „Geld regiert die Welt.“ Und so ist es da auch wieder. Das Einzige, was wir tun können ist reden, reden, reden. Das ist die Grundbedingung, die bereits im Kleinen anfängt. Innerhalb der Familie.

Ein Interview über den 2. Weltkrieg

Ich bin bei meiner Großtante zu Besuch. In Bad Lauterberg - einer kleinen Stadt zwischen blauen Bergen. Sie ist 93 Jahre alt und hat Haar, das weiß wie eine Wolke ist. Sie ist groß und schlank und ihre Augen sind sprunghaft und lebendig – so wie immer. Als hätte es eine Versprechung gegeben, einen Pakt mit Gott, dass es immer so sein würde. Sie begrüßt uns an der Tür mit einer herzlichen Umarmung und lässt uns in ihre Wohnung hinein. Wir haben Tortenstücke von einer Konditorei dabei auf die Papa und ich bereits seit Tagen gierig warten. Die Küche ist wie jedes andere Zimmer klein, doch in jeder Ecke ausgefüllt mit Liebe; jede Ecke verspricht eine Kleinigkeit wie Stickereien oder Bilder. Ansammlungen aus mehreren Jahrzehnten. Niemand, der ein junges Leben besitzt, könnte eine solche Wohnung jemals imitieren. Eine Ansammlung aus Zufällen, die ihre Persönlichkeit zum Ausdruck bringen. Geschenke von Menschen, die ihr Leben reicher, kurz gestrichen und irgendwann für immer verlassen haben. Kaum einer ihrer alten Freunde lebt noch. Wenn sie Geschichten erzählt, fallen die Namen von Toten. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen meiner Tante und meiner verstorbenen Oma – Tante Elisabeth versteckt sich nicht in der Vergangenheit. Ihre liebste Art zu leben, ist es immer noch in der Gegenwart zu leben. Sie nutzt die Vergangenheit um zu verstehen, um einzuordnen, was geschehen ist.


Wie alt warst du als der Krieg begonnen hat?

E: Da war ich zehn Jahre alt.


Wie war es in der Schule? Was wurde dort gelehrt?

E: Am Anfang war ich noch zu jung, um diese ganzen politischen Sachen einzuordnen. Was da später natürlich zu tragen kam war, dass unser Vater politisch verfolgt war.


Wann hast du für das alles ein Bewusstsein bekommen, dass das was geschah falsch war?

E: Das war, als sich der Krieg dem Ende neigte. Es war früher alles geprägt durch die Hitlerjugend. Du musstest in der Hitlerjugend sein. Wenn du da nicht drinnen warst, dann wurdest du wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt. Aber so richtig bewusst wurde einem das erst nach Kriegsende. Man merkte langsam, dass du nicht so akzeptiert wurdest wie du warst, sondern dass du nach deinem Glauben und Gewissen beurteilt wurdest.


Was hattet ihr für Unterrichtsfächer in der Schule?

E: Ja, das war anders als heute – rechnen, Aufsatz schreiben. Es ging meistens nur um Kriegsereignisse.


Hattet ihr Rassenlehre an der Schule?

E: Nein, gar nicht. Es gab ja nur eine Rasse. Das waren die hundertprozentigen Germanen. Reinrassige Deutsche. Das war unter Hitler so gewesen. Du sahst nicht aus wie ein Jude, aber wenn es in deinen Papieren stand, wurdest du so behandelt. Ja, wir waren Deutsche, aber durch die politische Verfolgung meines Vaters, was bei ihm auch im Soldbuch vermerkt wurde, wurden wir auch herabgewürdigt.


Elisabeth Büchner als junges Mädchen


Also wurde in der Schule überhaupt nicht über Juden gesprochen?

E: Nein, das war ein Tabuthema. Niemand durfte Fragen stellen – der Lehrer diktierte und das hattest du dann zu befolgen. Ich kann dir mal von einer Begebenheit erzählen. Das war im letzten Schuljahr. Wir haben ein Diktat bekommen und der Lehrer stand neben mir und je mehr Fehler ich gemacht habe, desto öfter habe ich eine Ohrfeige bekommen. Den Lehrer, nachdem ich aus der Schule raus war, der konnte mir auf der Straße begegnen, den habe ich nicht mehr gegrüßt. Ich konnte ihn nicht mehr grüßen. Und früher gab es das nicht, dass man seinen Eltern davon mitgeteilt hat und sich die Eltern bei der Schule beschwert haben. Lehrer, Pastor, Apotheker – waren zu meinen Zeiten noch die Persönlichkeiten, die man grüßen musste und vor denen man Respekt zeigen musste.


War dein Vater ein Kriegsgegner?

E: Er war nicht direkt Kriegsgegner. Im ersten Weltkrieg war er zwar kein Soldat, aber später war er im 100.000 Mann Heer, wo er 1925 auch meine Mutter kennengelernt hat. Als sie nachher nach Lauterberg kamen, durch meinen Onkel, sind sie in die kommunistische Partei hineingerutscht. Bad Lauterberg war damals sowieso sehr rot und linksorientiert. Aber damit ist nicht die Art von Kommunismus gemeint, wie die Russen ihn später verbreitet haben. Den wollten meine Mutter, mein Onkel und mein Vater nicht – sie wollten einen sozialistischen Kommunismus. Sie waren keine direkten Mitglieder, aber sagen wir, Sympathisanten und haben Flugblätter auf unserem Dachboden versteckt. Das war sehr gefährlich. Diese sogenannten Kriegsgegner wurden dann als erste eingezogen. Man sagte damals zu ihnen „Kanonenfutter“. Und das war dann das, was wir damals miterlebt haben. 1933 bei Hitlers Machtergreifung haben sie meinen Vater geholt. Das habe ich noch sehr lebendig vor Augen, wenn ich davon spreche. Ich stand auf meinem Kinderbett, das mit dem Bett meiner Schwester Anneliese in der Stube stand, und habe geweint. Unsere Nachbarin Frau Luthin hat zu den SA-Leuten gesagt: „Was wollt ihr mit dem Mann? Er hat niemandem was getan.“ Die hätten sie damals für diesen einen Satz schon einsperren können. Mein Vater kam dann in eine Zelle, zwischenzeitlich nach Osterode und dann nach Moringen.


Alfred Büchner in den 1920er Jahren


War das ein Arbeitslager?

E: Das war ein regelrechtes Konzentrationslager. Zu der Zeit, wo mein Vater in Moringen war, war Onkel Ernst auch da. Der hat uns das aber erst erzählt, als mein Vater später aus dem Krieg nicht wiedergekommen ist. Wenn sie meinem Vater unten im Keller verdroschen haben, hat er das oben in der Zelle gehört, wenn er geschrien hat. Danach war mein Vater auch Moorsoldat in Ostfriesland.


Zu den Moorsoldaten wurde damals auch ein Lied gedichtet.


Wohin auch das Auge blicket
Moor und Heide nur ringsrum
Vogelsang uns nicht erquicket
Eichen stehen stahl und krumm
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten ins Moor!


Hier in dieser öden Heide
ist das Lager aufgebaut
Wo wir fern von jeder Freude
hinter Stacheldraht verstaut
Wir sind die Moorsoldaten...


Morgens ziehen die Kolonen
in das Moor zur Arbeit hin
Graben bei dem Brand der Sonne
doch zur Heimat steht der Sinn
Wir sind die Moorsoldaten...


Heimwärts, heimwärts jeder sehnet
zu den Eltern, Weib und Kind
Manche Brust ein Seufzer dehnet
weil wir hier gefangen sind
Wir sind die Moorsoldaten...


Auf und nieder geh'n die Posten
keiner, keiner kann hindurch
Flucht wird nur das Leben kosten
Vierfach ist umzäumt die Burg
Wir sind die Moorsoldaten...


Doch für uns gibt es kein Klagen
ewig kann's nicht Winter sein
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, du bist wieder mein
Dann zieh'n die die Moorsoldaten
nicht mehr mit dem Spaten ins Moor


Hat euer Vater euch früher auch seine politische Einstellung vermittelt?

E: Nein, das war ein Tabuthema.


Weil sie Angst hatten euch in Gefahr zu bringen?

E: Genau. Unsere Mutter hat nachher auch kaum darüber gesprochen. Das war für sie eine schwere Zeit. Und dass dann unser Vater nicht wiedergekommen ist – das hat alles nochmal verschlimmert. Sie ist nicht auf den Friedhof gegangen. Sie konnte da nicht hingehen, weil sie nie wusste, was wirklich mit ihrem Ehemann geschehen war, wo er geblieben ist.


Familie Büchner


Hast du denn damals hinterfragt, warum sie deinen Vater dorthin gebracht haben?

E: Nein, damals noch nicht. Nachher hat man sich ja selber informiert, als ich dann alt genug war. Damals hatten wir keine Möglichkeiten so wie ihr heutzutage. Wir hatten keine technischen Möglichkeiten, um uns wirklich zu informieren. Wer hatte schon ein Telefon? Selbst das hat es erst viel später gegeben. Wir hatten ein Radio, das sich mein Vater damals gekauft hatte. Einen Volksempfänger. Den hatte er sich damals zum Boxwettkampf von Max Schmeling, der in Amerika stattfand, geholt. Selbst Zeitungen konnte sich nicht jeder leisten. Das war alles eine finanzielle Sache. Wir haben uns also erst später unsere eigene Meinung gebildet, als der Krieg vorbei war. Da kam alles raus. Ich war erst 15 als der Krieg vorbei war und dann hast du eins und eins zusammengezählt.

E: Mein Vater kam nach 2 Jahren wieder nach Hause und er hat mit uns auch nicht über sein Leiden gesprochen, was er erlebt hat. Dann hat er etliche Jahre wieder gearbeitet und wurde dann im Sommer 1944 zum zweiten Mal eingezogen. Er hatte bei der Lauterberger Blechwarenfarbrik gearbeitet und dort wurde der Sohn von dem Meister von der Wehrmacht eingezogen. Aber da es ein Kriegswichtiger Betrieb war, wurde der Sohn reklamiert und jemand anderes musste ausgewählt werden. Und so musste mein Vater gehen. An Annelieses Geburtstag bekamen wir den letzten Brief.


Hast du denn unter deinen Freundinnen über den Krieg gesprochen?

E: Nein. Da möchte ich dir aber von einer späteren Begebenheit von mir und alten Schulkameraden erzählen, die ich bei einem Klassentreffen wiedergesehen habe. Da habe ich einen alten Mitschüler getroffen, der früher natürlich in der Hitlerjugend war. Und er gehörte zu denjenigen, die sehr fanatisch waren und der mit Leidenschaft dabei war. Sein Vater war damals auch bei der Polizei, die sehr rechts gewesen ist. Jedenfalls haben wir uns zum Essen getroffen und er schwärmte immer noch von Hitler und seiner Ideologie. Und dann habe ich gesagt: „Ich möchte dieses Thema nicht hier bei unserem Beisammensein haben. Ihr könnt euch unterhalten, aber ich möchte nicht dabei sein! Das ist ein Kapitel für mich, das ich abgeschlossen habe und das ich nicht haben möchte. Meine Eltern waren anders als eure Eltern.“ Und dann war das Thema für mich erledigt und sie haben sich auch danach gerichtet. Aber ansonsten, ganz früher, wurde nicht darüber gesprochen. Auch nach dem Krieg nicht. Du musst dir das so vorstellen Josie, wie jetzt nach der Pandemie: alle wollten leben, endlich wieder etwas erleben! Da hatten wir andere Interessen. Es ist wie heute, bloß mit anderen Voraussetzungen. Wir konnten unser Leben nicht sofort wieder gestalten, denn wir hatten kein Geld. Es gab noch Lebensmittelmarken und das alles. Aber wir wollten tanzen gehen! Vor allem als die Engländer später hier waren, wo man auch häufig von ihnen aufgefordert wurde.


Nach dem Kriegsende kam ja heraus, was mit den Juden passiert ist – mit dem Holocaust – wie wurde darauf reagiert?

E: Ja, das haben viele geleugnet. Viele tun es ja immer noch bis heute. Aber als wir nach dem Krieg erfuhren was mit meinem Vater in den Arbeitslagern passiert ist, haben wir auch davon erfahren, dass er nicht nur mit politisch Verfolgten zusammen war, sondern auch mit Juden, die allerdings schnell aussortiert und in richtige Konzentrationslager transportiert wurden. Dass es so etwas wie Konzentrationslager gab, erfuhren wir erst ein Jahr bevor der Krieg zu Ende war. Es wurde vorher alles geleugnet, sowie Putin jetzt alles in Russland leugnet. Das sind die Machtmenschen mit ihrer Propaganda.


Was würdest du sagen, war der prägendste Augenblick den du während des Krieges erlebt hast? Der dich verändert hat?

E: Das war als wir in den Bunker mussten, nachdem die Bomben gefallen waren. Und als ich all diese Menschen in Angst dort drinnen sitzen sah. Es war eine warme Aprilnacht und kaum waren wir im Bunker drinnen, bekamen wir keine Luft mehr, weil die Luft darin verbraucht war. Die Menschen die schon länger in dem Bunker saßen, waren daran gewöhnt, aber wir haben das Schlag auf Schlag von der Frischluft draußen nicht verkraftet. Dann sind wir zu meinem Onkel aus dem Tal raus zu seinem Notbunker gelaufen – eine alte Laubhütte. Da haben wir eine Nacht verbracht. Danach sind die Amerikaner gekommen. Noch ein prägendes Erlebnis war, als ich den ersten Toten gesehen habe. Ein Schulkamerad von mir. Wir sind die Hauptstraße runtergegangen, weil wir meine Tante gesucht haben und da lag er erschossen in seiner HJ Uniform. Am wohl Prägendsten war aber, als sich mein Vater nach Kriegsende angeblich gemeldet hatte und von Frankfurt Oder die ersten Transporte wiederkamen. 1946 war das. Da ging ein Reporter an einem Zug entlang und hat die Kriegsgefangenen interviewt und gefragt, wo sie herkommen. Und an dem Abend haben sich drei Lauterberger gemeldet. Mein Onkel klopfte dann zur Sperrstunde nachts an unser Schlafzimmerfenster und erzählte uns: „Alfred hat sich gemeldet. Aber noch unter eurem alten Wohnort.“ Und das obwohl mein Vater unser neues Heim bereits kannte, als er im Krieg einmal auf Urlaub zu uns kam. Er kehrte nie wieder nach Hause zurück. Zwei von den drei Lauterbergern aus Russland sind zurückgekommen, aber von meinem Vater fehlte jede Spur. Und ich lass mich nicht davon abbringen, dass sich jemand Fremdes als mein Vater ausgegeben hat, es sich zu Nutzen gemacht hat, dass er ein Gegner Hitlers war. Denn in seinem letzten Brief schrieb er uns auch, dass er all seine Papier verloren hatte. Und dann gab es Verwandtschaft, eine Schwester meiner Mutter, die ganz frech auf Lauterberger Platt meinte: „Wo der wohl steckt? Der wird wohl drüben geblieben sein.“ Aber ich weiß, unser Vater hätte uns niemals freiwillig verlassen. Er war ein Familienmensch. Ein Gemütsmensch.


Alfred Büchner in den 1930er Jahren


Kennst du den Begriff Kollektivschuld und glaubst du daran?

E: Ja, das ist die Schuld, die uns von unseren Vorfahren aufgebürdet wird und diese Kollektivschuld haben wir ja immer noch. Und deswegen kann man auch verstehen, dass die Regierung damals es so gehandhabt hat, dass Deutschland sich nicht mehr an Kriegen beteiligen darf. Und diese Forderungen, die zum Teil der ukrainische Präsident uns stellt, sind nicht gerechtfertigt. Aber es ist sowieso ganz egal wie wir handeln oder reagieren: die Schuld fällt so oder so auf Deutschland zurück. Das, was jetzt mit der Ukraine geschieht, trifft mich sehr. Niemand hat aus dem letzten Krieg gelernt. In Europa gab es über 70 Jahre keinen Krieg. Wir müssten zufrieden sein.


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