blog.

Josies Werke

Josies Werke

Woke Shit

Woke Shit

Die vergessenen Frauen // Teil 1 : Anita Berber

Die vergessenen Frauen // Teil 1 : Anita Berber

Foto Anita Berber

Berlin der 20er Jahre – in einem hysterischen Fieber getaucht mit Maschinerien, hupenden Automobilen und auf den Straßen wimmelnde Nachtgestalten, die sich ausgezehrt vom Kriege mit Heißhunger und sehnlicher Lust in Kabaretts und Etablissements herumtreiben. Abstrakte Kunst – der Dadaismus, der sich auf Sinnlosigkeit begründet und auf die Zerstörung bekannter Werte der einstigen Kaiserzeit. Bekennende Pazifisten prallen auf Anhänger von Mythen wie der „Dolchstoßlegende“, die sich in den kommenden Jahren radikalisieren und den willkürlichen, dunklen Abschnitt der Menschheitsgeschichte bewirken. Berlin – die Stadt der Laster und Exzesse. Die einen deklarieren Fortschritt und die anderen kritisieren den sozialen Verfall. Frauen mit Bubiköpfen schwärmen durch die grenzenlose Nacht zwischen leuchtenden Reklamen mit einem neuen Selbstbewusstsein, das sie in das gesellschaftliche Leben einführt. Wo bei den Reichen und Schönen der Champagner rauscht, werden die Menschen aus der Arbeiterklasse in Mietskasernen zusammengepfercht wie Vieh im Stall. Leierkastenmusik dröhnt durch die Gassen, schmutzige Kinderfüße patschen auf die gepflasterten Straßen, volle Suppenküchen, Wimmern und Flehen, stetig liegen Frauen in Wehen. Mittendrin in diesem sündigen Chaos, erstrahlt kurzweilig der dunkle Stern namens Anita Berber.


reePortrait Anita Berber

"Seid ruhig, ich schlafe ja doch mit jedem von euch!" -Anita Berber

Niemand verkörpert das Berlin der 1920er Jahre so gut wie die Erotiktänzerin Anita Berber. Mit ihren exzentrischen und damals noch als obszön geltenden Tänzen strebte sie nach individueller Freiheit und war das Sinnbild des neuen Zeitgeistes der Weimarer Republik. Am 10. Juni 1899 wurde sie in Leipzig als die Tochter eines Violinvirtuosen Professors und einer Chansonsängerin und Kabarettisten geboren. Die Ehe ihrer Eltern wurde jedoch bereits 1902 geschieden. Daraufhin zog Anita 1906 zu ihrer Großmutter Luise Thiem nach Dresden und verlebte dort in recht wohlhabenden Verhältnissen ihre Kindheit. Mit 15 Jahren zog sie gemeinsam mit ihrer Großmutter zu ihrer Mutter zurück, welche nun in Berlin – Wilmersdorf eine Wohngemeinschaft mit ihren zwei Schwestern gegründet hatte. Dort belegte sie ihren ersten Tanzunterricht bei Rita Sacchetto und ihren ersten Schauspielunterricht bei Maria Moissi. Doch ihre Tanzlehrerin blieb ihr nicht lange erhalten aufgrund von Anitas individuellen Tanzstils, der ihrem eigenen Geschmack nicht zusagte. Aber auch ohne Beihilfe schaffte sie bereits vor dem ersten Weltkrieg ihren Durchbruch und tanzte in zahlreichen und bekannten Varietés. Sie entwickelte sich zu einer besonderen Erscheinung, welche nicht unbedingt schön zu nennen war, und die die Menschen entweder in ihren Bann zog oder zutiefst empörte. Ihre knabenhafte Statur war umhüllt von blasser, gar kalkig wirkender Haut. Die Augen schwarz geschminkt und ihre dünnen Lippen mit rotem Lippenstift übermalt, sodass sie aus der Ferne einen sinnlichen Eindruck machten.


ree


Ihr Haar kurzgeschnitten – ein Akt der Befreiung aus dem frommen Frauenbild der alten Zeit, das noch immer von konservativen Gläubigen und Christen verteidigt wurde. „Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase“ nannte sie ihre Bühnenshows, die für viel Kontroverse sorgten. Unter ihnen Tänze wie „Kokain“, „Salomé“, oder „Nachkriegserotik“, die man schaudernd bestaunte. Es fanden sich auch immer wieder eingebaute Elemente des Balletts in ihren Tänzen wieder, die für Leichtigkeit sorgten und einer Art Verführung. Nicht selten zerrte sie die Sittenpolizei wegen ihrer Anstößigkeit von der Bühne. Außerdem zierten zahlreiche Skandale die Titelseiten. 1922 verließ sie ihren ersten Ehemann für eine Frau mit der sie eine kurzweilige, leidenschaftliche Bindung pflegte. Kurt Tucholsky, der berühmte Journalist und Schriftsteller, ging eines Tages mit seiner Ehefrau in einem noblen Restaurant essen und glaubte seinen Augen kaum, als eine nackte Frau den Saal betrat und mit Berliner Schnauze lauthals ein Menü auf der Speisekarte auswählte. Zudem war sie die erste Frau, die einen Smoking getragen hatte, wodurch sie als eine Mode-Ikone hochgepriesen wurde. Sie brauchte ihre Exzesse, sowie sie ihr Kokain brauchte. Skandale machten sie lebendig und verliehen ihr eine Art Heldenmut, durch den sie für kurze Zeit ihre stechende Einsamkeit vergessen konnte. Drei Mal heiratete sie – Eberhard von Nathusius, Sebastian Droste und den amerikanischen Tänzer Henri Chatin Hofmann. Alle Ehen waren zum Scheitern verurteilt. Das Unverständnis der breiten Masse radikalisierte sie nur noch mehr. Sie forderte alles heraus – sich selbst, das Leben, die Moral. Gewillt testete sie gesellschaftliche Grenzen aus und fühlte sich von Spott und Hohn, der ihr entgegenkam, berauscht. Einmal geriet sie mit einer Fremden auf der Straße in einen heftigen Streit, der sie so sehr verärgerte, dass sie der Frau beinah den Finger abbiss. Außerdem lag die Last des Krieges auf ihr. Wie alle aus ihrer Generation wurde sie von einer Leere getrieben, einem zerstörten Paradies, der Kenntnis, dass Menschen zu schrecklichen Dingen fähig waren. Kriegskrüppel zierten das alltägliche Straßenbild. Treue Patrioten, die nun trotz ihrer Hingabe für ihr Vaterland, Ausgestoßene der Gesellschaft waren. Prostituierte Frauen. Der Versailler-Vertrag, der den Deutschen die alleinige Kriegsschuld anhing. Sie lernte, wie viele andere auch, dass es keine Hoffnung auf ein friedliches Morgen geben würde. Die Sterblichkeit saß ihr im Nacken. Carpe diem! Momento mori! Erst durch Extremen wurde sie sich bewusst am Leben zu sein, wirklich zu existieren, doch paradoxerweise führten sie dieselben Extremen in den frühen Tod, der ihr wie vorher bestimmt war. 1927 löste ihr Vater den Kontakt auf – ein Bruch, der Anitas einsames Herz mit Schmerz erfüllte und dafür sorgte, dass sie mit ihrem dritten Ehemann Henri, Berlin verließ. Sie begaben sich auf eine Europa Tournee, wo Anita am 13. Juni 1928 während eines Auftrittes in Damaskus zusammenbrach. Nur durch finanzielle Unterstützung ihrer Künstler-Freunde aus Berlin, konnte sie in ihre Heimat zurückkehren. Ihr Körper und Geist vergiftet und durch jahrelangen Drogenkonsum ausgezehrt, befiel sie eine Krankheit namens Tuberkulose. Eine leichte Beute, die stetige Rivalin des Todes, der sie jagte und am Ende auch bekam und nahm und schließlich ihre ruhelose Seele an einen friedlicheren Ort brachte. Anita starb mit 29 Jahren.


Quellen:

Wunderlich, Dieter: "Anita Berber", in: dieterwunderlich.de, URL: https://www.dieterwunderlich.de/Anita_Berber.htm

Mann, Klaus: "Erinnerungen an Anita Berber", in: Die Bühne. Jahrgang 1930, Heft 275, S.43-44

Berlin der 20er Jahre – in einem hysterischen Fieber getaucht mit Maschinerien, hupenden Automobilen und auf den Straßen wimmelnde Nachtgestalten, die sich ausgezehrt vom Kriege mit Heißhunger und sehnlicher Lust in Kabaretts und Etablissements herumtreiben. Abstrakte Kunst – der Dadaismus, der sich auf Sinnlosigkeit begründet und auf die Zerstörung bekannter Werte der einstigen Kaiserzeit. Bekennende Pazifisten prallen auf Anhänger von Mythen wie der „Dolchstoßlegende“, die sich in den kommenden Jahren radikalisieren und den willkürlichen, dunklen Abschnitt der Menschheitsgeschichte bewirken. Berlin – die Stadt der Laster und Exzesse. Die einen deklarieren Fortschritt und die anderen kritisieren den sozialen Verfall. Frauen mit Bubiköpfen schwärmen durch die grenzenlose Nacht zwischen leuchtenden Reklamen mit einem neuen Selbstbewusstsein, das sie in das gesellschaftliche Leben einführt. Wo bei den Reichen und Schönen der Champagner rauscht, werden die Menschen aus der Arbeiterklasse in Mietskasernen zusammengepfercht wie Vieh im Stall. Leierkastenmusik dröhnt durch die Gassen, schmutzige Kinderfüße patschen auf die gepflasterten Straßen, volle Suppenküchen, Wimmern und Flehen, stetig liegen Frauen in Wehen. Mittendrin in diesem sündigen Chaos, erstrahlt kurzweilig der dunkle Stern namens Anita Berber.


reePortrait Anita Berber

"Seid ruhig, ich schlafe ja doch mit jedem von euch!" -Anita Berber

Niemand verkörpert das Berlin der 1920er Jahre so gut wie die Erotiktänzerin Anita Berber. Mit ihren exzentrischen und damals noch als obszön geltenden Tänzen strebte sie nach individueller Freiheit und war das Sinnbild des neuen Zeitgeistes der Weimarer Republik. Am 10. Juni 1899 wurde sie in Leipzig als die Tochter eines Violinvirtuosen Professors und einer Chansonsängerin und Kabarettisten geboren. Die Ehe ihrer Eltern wurde jedoch bereits 1902 geschieden. Daraufhin zog Anita 1906 zu ihrer Großmutter Luise Thiem nach Dresden und verlebte dort in recht wohlhabenden Verhältnissen ihre Kindheit. Mit 15 Jahren zog sie gemeinsam mit ihrer Großmutter zu ihrer Mutter zurück, welche nun in Berlin – Wilmersdorf eine Wohngemeinschaft mit ihren zwei Schwestern gegründet hatte. Dort belegte sie ihren ersten Tanzunterricht bei Rita Sacchetto und ihren ersten Schauspielunterricht bei Maria Moissi. Doch ihre Tanzlehrerin blieb ihr nicht lange erhalten aufgrund von Anitas individuellen Tanzstils, der ihrem eigenen Geschmack nicht zusagte. Aber auch ohne Beihilfe schaffte sie bereits vor dem ersten Weltkrieg ihren Durchbruch und tanzte in zahlreichen und bekannten Varietés. Sie entwickelte sich zu einer besonderen Erscheinung, welche nicht unbedingt schön zu nennen war, und die die Menschen entweder in ihren Bann zog oder zutiefst empörte. Ihre knabenhafte Statur war umhüllt von blasser, gar kalkig wirkender Haut. Die Augen schwarz geschminkt und ihre dünnen Lippen mit rotem Lippenstift übermalt, sodass sie aus der Ferne einen sinnlichen Eindruck machten.


ree


Ihr Haar kurzgeschnitten – ein Akt der Befreiung aus dem frommen Frauenbild der alten Zeit, das noch immer von konservativen Gläubigen und Christen verteidigt wurde. „Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase“ nannte sie ihre Bühnenshows, die für viel Kontroverse sorgten. Unter ihnen Tänze wie „Kokain“, „Salomé“, oder „Nachkriegserotik“, die man schaudernd bestaunte. Es fanden sich auch immer wieder eingebaute Elemente des Balletts in ihren Tänzen wieder, die für Leichtigkeit sorgten und einer Art Verführung. Nicht selten zerrte sie die Sittenpolizei wegen ihrer Anstößigkeit von der Bühne. Außerdem zierten zahlreiche Skandale die Titelseiten. 1922 verließ sie ihren ersten Ehemann für eine Frau mit der sie eine kurzweilige, leidenschaftliche Bindung pflegte. Kurt Tucholsky, der berühmte Journalist und Schriftsteller, ging eines Tages mit seiner Ehefrau in einem noblen Restaurant essen und glaubte seinen Augen kaum, als eine nackte Frau den Saal betrat und mit Berliner Schnauze lauthals ein Menü auf der Speisekarte auswählte. Zudem war sie die erste Frau, die einen Smoking getragen hatte, wodurch sie als eine Mode-Ikone hochgepriesen wurde. Sie brauchte ihre Exzesse, sowie sie ihr Kokain brauchte. Skandale machten sie lebendig und verliehen ihr eine Art Heldenmut, durch den sie für kurze Zeit ihre stechende Einsamkeit vergessen konnte. Drei Mal heiratete sie – Eberhard von Nathusius, Sebastian Droste und den amerikanischen Tänzer Henri Chatin Hofmann. Alle Ehen waren zum Scheitern verurteilt. Das Unverständnis der breiten Masse radikalisierte sie nur noch mehr. Sie forderte alles heraus – sich selbst, das Leben, die Moral. Gewillt testete sie gesellschaftliche Grenzen aus und fühlte sich von Spott und Hohn, der ihr entgegenkam, berauscht. Einmal geriet sie mit einer Fremden auf der Straße in einen heftigen Streit, der sie so sehr verärgerte, dass sie der Frau beinah den Finger abbiss. Außerdem lag die Last des Krieges auf ihr. Wie alle aus ihrer Generation wurde sie von einer Leere getrieben, einem zerstörten Paradies, der Kenntnis, dass Menschen zu schrecklichen Dingen fähig waren. Kriegskrüppel zierten das alltägliche Straßenbild. Treue Patrioten, die nun trotz ihrer Hingabe für ihr Vaterland, Ausgestoßene der Gesellschaft waren. Prostituierte Frauen. Der Versailler-Vertrag, der den Deutschen die alleinige Kriegsschuld anhing. Sie lernte, wie viele andere auch, dass es keine Hoffnung auf ein friedliches Morgen geben würde. Die Sterblichkeit saß ihr im Nacken. Carpe diem! Momento mori! Erst durch Extremen wurde sie sich bewusst am Leben zu sein, wirklich zu existieren, doch paradoxerweise führten sie dieselben Extremen in den frühen Tod, der ihr wie vorher bestimmt war. 1927 löste ihr Vater den Kontakt auf – ein Bruch, der Anitas einsames Herz mit Schmerz erfüllte und dafür sorgte, dass sie mit ihrem dritten Ehemann Henri, Berlin verließ. Sie begaben sich auf eine Europa Tournee, wo Anita am 13. Juni 1928 während eines Auftrittes in Damaskus zusammenbrach. Nur durch finanzielle Unterstützung ihrer Künstler-Freunde aus Berlin, konnte sie in ihre Heimat zurückkehren. Ihr Körper und Geist vergiftet und durch jahrelangen Drogenkonsum ausgezehrt, befiel sie eine Krankheit namens Tuberkulose. Eine leichte Beute, die stetige Rivalin des Todes, der sie jagte und am Ende auch bekam und nahm und schließlich ihre ruhelose Seele an einen friedlicheren Ort brachte. Anita starb mit 29 Jahren.


Quellen:

Wunderlich, Dieter: "Anita Berber", in: dieterwunderlich.de, URL: https://www.dieterwunderlich.de/Anita_Berber.htm

Mann, Klaus: "Erinnerungen an Anita Berber", in: Die Bühne. Jahrgang 1930, Heft 275, S.43-44

Unsere aktuellsten Artikel:

Im April 1904 richtete der deutsche General Adrian Dietrich von Lothar von Trotha den Vernichtungsbefehl gegenüber den Herero und Nama … [mehr lesen]

Im April 1904 richtete der deutsche General Adrian Dietrich von Lothar von Trotha den Vernichtungsbefehl gegenüber den Herero und Nama … [mehr lesen]

Rückblende in das Jahr 2008: Ich sitze mit meinem Vater bei unseren traditionellen Filmabenden auf dem Sofa. Haribo Lakritz auf dem Tisch, das Wohnzimmer mit Jalousien abgedunkelt und aus Papas selbst gebauten… [mehr lesen]

Im April 1904 richtete der deutsche General Adrian Dietrich von Lothar von Trotha den Vernichtungsbefehl gegenüber den Herero und Nama … [mehr lesen]

Im April 1904 richtete der deutsche General Adrian Dietrich von Lothar von Trotha den Vernichtungsbefehl gegenüber den Herero und Nama … [mehr lesen]

Rückblende in das Jahr 2008: Ich sitze mit meinem Vater bei unseren traditionellen Filmabenden auf dem Sofa. Haribo Lakritz auf dem Tisch, das Wohnzimmer mit Jalousien abgedunkelt und aus Papas selbst gebauten… [mehr lesen]

Unsere aktuellsten
Artikel:

© 2021-2026 by Künstlerbordell.

E-Mail: kuenstlerbordell@gmail.com

Datenschutz | Nutzerbedingungen


Webdesign Laura Pusback

© 2021-2026 by Künstlerbordell.

E-Mail: kuenstlerbordell@gmail.com

Datenschutz | Nutzerbedingungen


Webdesign Laura Pusback

© 2021-2026 by Künstlerbordell.

E-Mail: kuenstlerbordell@gmail.com

Datenschutz | Nutzerbedingungen


Webdesign Laura Pusback

Create a free website with Framer, the website builder loved by startups, designers and agencies.