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Woke Shit
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Die vergessenen Frauen // Teil 2 : Marsha P. Johnson
Die vergessenen Frauen // Teil 2 : Marsha P. Johnson

TRIGGERWARNUNG:
Dieser Artikel beinhaltet Trigger, also Auslöser schwieriger Gefühle, Erinnerungen oder Flashbacks. Es werden unter anderen Themen wie PROSTITUTION, DISKRIMINIERUNG, SELBSTMORD, VERGEWALTIGUNG und GEWALT GEGEN LGBTQAI+ behandelt. Bei manchen Menschen können diese Themen negative Reaktionen auslösen. Bitte sei achtsam, wenn das bei dir der Fall ist.

Stonewall Inn Unruhen 1969
Christopher Street, 1969.
Auf den Straßen stolzieren die Drag Queens stolz in ihren kunstvollen Kostümen unter den anderen Mitgliedern der LGBTQAI+ Community umher. Viele Außenstehende kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus, sind angetan von dem faszinierenden Auftreten, es werden hier und da ein paar Fotos geknipst.
Währenddessen tummeln sich die Menschenmassen vor den Türen der Bars der Schwulen und Lesbenszene. Man wartet darauf, dass man endlich in die scheinbare Utopie von Akzeptanz abtauchen kann, fern von all der Intoleranz der breiten Gesellschaft, hinein in die Menge der Gleichgesinnten, von denen ihre Liebe als wahrhaftig angesehen wurde, nicht etwa als illegaler Akt.
Auch vor der berühmten Bar "Stonewall Inn" sammeln sich die Leute draußen vor den Türen. Hier kannte man sich untereinander, man verstand sich.
Im Inneren zwängte man sich nebeneinander, tanzte, soweit es vom Platz her möglich war, denn das Tanzen mit dem gleichen Geschlecht war im "Stonewall Inn" ausnahmsweise erlaubt.
Geschlecht oder Hautfarbe spielten nur gering eine Rolle erzählen Zeitzeugen [1]. Hier war es vielfältig, hier war es bunt.
Von kompletter Gelassenheit zu sprechen wäre aber genauso falsch wie die Schwierigkeiten für die LGBTQAI+ zu dieser Zeit zu ignorieren. Die Bars galten als eine Art Ruhestelle, aber auch diese wurde von Zeit zur Zeit immer wieder von Intoleranz infiltriert.
Homosexuelle Menschen fühlten sich in der eigenen Liebe und Geschlechtsauslebung noch immer nicht frei oder akzeptiert.
Von der Gesellschaft wurde man verpönt, zusammengeschlagen, schikaniert, ausgestoßen, zwangshaft geoutet, gar ermordet. War man homosexuell, galt man in der Gesellschaft als psychisch gestört. Man genoss keinen Schutz der Polizei, eher das Gegenteil war der Fall.
Bei jedem Bargang spürte man im Inneren tiefe Anspannung.
Die Polizei führte täglich gezielt mehrere Razzien aus in der berühmt berüchtigten Christopher Street - denn sie wussten hier sammelten sich die Ausgestoßenen, die, die von der Gesellschaft in Stich gelassen wurden.
Nähern sich Polizisten, wird es für gewöhnlich ruhig.
Nähern sich Polizisten wird klar, dass man in der Gesellschaft noch immer nicht gewollt ist.
Nähern sich Polizisten wird klar, es wird versucht die eigene Identität mit Gewalt zu unterdrücken.
Noch akzeptierte man die tägliche Schikane, die Prügel der Polizei, die ungerechten Festnahmen.
Bis zum revolutionären Datum, den 28. Juni 1969.
Diesmal lief man auf sie zu. Eine Stimmung des Aufbruchs brodelte in den Leuten hervor, ausgelöst durch die Jahre lang andauernden Ungerechtigkeiten.
Schaute man sich um, war man kein einziges Individuum, man war Teil einer großen Gruppe, die Jahre lang dasselbe Leid ertragen musste.
An jenem Abend nahm die Polizei grundlos mehrere Personen fest, einige von ihnen Drag Queens, die sich allein durch ihre Kleidung vor dem Gesetz strafbar machten. Denn "Crossdressing" galt als illegal. Bereits in der berühmten Bar sollen einige von der Polizei misshandelt worden sein [2].
Inmitten all diesen Tumults bewegte sich auch die, mit ihren ebenso kunstvollen Auftreten und extravagant gestalteten Blumenkronen, afroamerikanische LGBTQAI+ Aktivistin und Ikone Marsha P. Johnson. Das P. steht nach ihren Angaben für Pay It No Mind, Kümmer dich nicht darum.
Viele sind sich sicher, sie wäre der Anfang von allem gewesen.
Die Befreierin ihrer Brüder und Schwestern. Jeder kannte sie.
Biografie

Marsha P. Johnson (24.08.1945 - 06.07.1992)
Marsha P. Johnson kam am 24. August 1945 in New Jersey unter den eigentlichen Namen Malcolm Michaels Jr. als biologisch männlich auf die Welt.
Was sie nicht davon abhielt sich bereits ab dem fünften Lebensjahr mit "weiblicher Kleidung" zu bestücken.
Bereits in jungen Jahren wurde sie aufgrund ihres Erscheinungsbildes von einem älteren Jungen vergewaltigt, was sie schweren Herzens dazu veranlasste ihre eigene Identität zu unterdrücken [3]. Sie verstand ihre Liebe als unmöglich. Schwul zu sein war für sie wie ein Traum, unerreichbar [4]. Auch im eigenen Elternhaus traf die Auslebung ihrer Selbst auf Ablehnung.
Ist man schwul, so sei man weniger Wert als ein Hund auf der Straße, sagte ihre Mutter einst [5].
Mit gerade einmal 17 Jahren landete Marsha so mit 15$ in der Tasche auf den Straßen von New York.
Sie war noch ein Kind als sie sich aus Not heraus der Prostitution hingeben musste, um ihr Überleben zu sichern [6]. Für viele junge Transgender und Drag Queens war dieser Zustand die harte Realität. Es war die einzige Möglichkeit, um Geld aufzutreiben. Alles andere schien aussichtslos, denn niemand wollte Menschen wie Marsha einstellen oder bei sich wohnen lassen. Niemand wollte ihnen die Hand reichen - ihnen ein Gefühl von Geborgenheit gewähren.
Als Sexarbeiterin geriet sie auch immer wieder in gefährliche Situationen, in denen sie zusammengeschlagen wurde, von Männern mit Waffen bedroht wurde, sogar angeschossen wurde [7].
Mit ihren 17 Jahren lernte sie auch ihre beste Freundin, die damals 11-jährige Sylvia Rivera kennen, die ein ähnliches Schicksal wie Marsha teilte. Sie war Transgender und ebenso obdachlos. (Der Begriff Transgender war zu jener Zeit noch nicht im Gebrauch. Eher nutze man die Bezeichnung Transvestit.)
Allgemein lebten Marsha und Sylvia bis zu ihrem Lebensende in bescheidenen Verhältnissen, sie waren arm und trugen wenig Besitz bei sich.
Trotz dessen half Marsha immer wieder Menschen in Not. Sie nahm regelrecht ihre eigene Kleidung von ihrem Leib, um sie anderen Menschen zu schenken. Marsha war ein sehr selbstloser und großzügiger Mensch, der sich mehr um andere zu sorgen schien als um sich selbst.
Dabei wurde ihr kaum geholfen. Sie machte mehr als 100 Verhaftungen durch. Landete immer wieder auf der Straße. Wurde wieder und wieder misshandelt.
Gleichzeitig wurde sie von psychischen Krankheiten geplagt und erlitt in ihrem Leben einige mentale Zusammenbrüche [8].
Doch auch hier bot man Marsha keine Hilfe an, sie musste allein gegen ihre Dämonen kämpfen.
Einige betonen hierbei Marshas duale Persönlichkeit und schizophrenen Episoden, die mit ihrer anderen Seite Malcom auftraten.
Lebte sie als Malcolm, erkannten ihre Freunde sie kaum wieder. Er zettelte Kämpfe an, war aggressiv [9].
Marsha brauchte Hilfe - doch niemand wollte sich ihr zuwenden.
Eher versuchte man sich von ihr fernzuhalten [10].
Kampf um Gleichberechtigung
Seit dem das Stonewall Inn auch Frauen und Drag Queens einlud und bei sich arbeiten ließ, besuchte auch Marsha die Bar regelmäßig.
Während der Aufruhen 1969 und bei den darauffolgenden Märschen war sie ebenso dabei.
Wobei sie selbst verneint, der Anfang von der Bewegung gewesen zu sein [11].
Im Kampf um Gleichberechtigung bezeichnete man sie als Heilige, gekreuzigt für die Rechte ihrer Mitmenschen.
Auch 1970 traten beide, Marsha und Sylvia, der Gay Liberation Front bei und setzten sich für Gleichberechtigung ein. Zwei Jahre später gründeten beide die Organisation S.T.A.R.
Mit Hilfe des Geldes, welches sie bei der Sexarbeit zusammen bekamen, mieteten sie ein Gebäude, ohne Elektrizität, in dem um die 20 Personen lebten, darunter Drag Queens und Transgender [12].
Man versuchte den ausgestoßenen Menschen ein Zuhause zu geben, Essen und Klamotten. Sie wollten verhindern, dass weitere das gleiche Schicksal erlitten wie einst sie.
Aufgrund von fehlenden Einnahmen musste S.T.A.R nach gut einem Jahr schließen. Viele landeten wieder auf der Straße, das Gefühl von einstiger Geborgenheit tief in ihnen verankert.

Marsha P. Johnson & Sylvia Rivera (24.06.1973)
Auch im Kampf um LGBTQAI+ Rechte erlitt Marsha zusammen mit Sylvia 1973 einen Rückschlag.
Obwohl sie sich immer für die Rechte ihrer homosexuellen Brüder und Schwestern einsetzte, verbat man ihnen am Protest teilzunehmen. Beide widersetzten sich und liefen stattdessen an der Spitze. Die nun beinahe ausschließlich weißen, bürgerlichen, Cisgender Mitglieder, die die Bewegung an sich gerissen hatten, buhten Sylvia bei ihrer Rede 1973 sogar aus [13].
Innerhalb der Bewegung schämte man sich für Transgender und Drag Queens wie Sylvia und Marsha. Statt dass man ihre Rolle in der Bewegung anerkannte, wurden sie erneut ausgegrenzt.
Drag Ikone Marsha

Trotz all ihrer Errungenschaften hatte Marsha ohne ihre kunstvollen Aufmachung wenig Selbstwert.
Sie selbst sah sich ohne ihr Dasein als Drag Queen als ein Niemand an. Tatsächlich galt sie als sehr erfolgreiche Drag Queen Amerikas und der Welt.
Marsha kannte man als Drag Queen, eine Kunstfigur. Das wollten die Menschen sehen, nicht etwa das gebrochene Individuum unter der Maske. Marsha Pay It No Mind Johnson.
1974 posierte sie auch als Modell für den homosexuellen Künstler Andy Warhol unter seiner Reihe "Ladies and Gentleman" und trat auch in seiner Dragshow auf. Auf der Ausstellung in der Galerie wurde sie jedoch nicht geduldet [14]. Unter dem Bild war Marshas Name nicht angegeben, Warhol erzeugte somit ein Bild der "Anderen".
Kampf um AIDS und Marshas Tod
Um 1990 infizierte Marsha sich mit der Erkrankung AIDS. Als Antwort auf diese erschütternde Diagnose engagierte sie sich 1987-1992 als AIDS Aktivistin in der Organisation ACT UP, um auf die Epidemie aufmerksam zu machen, die von der breiten Bevölkerung missverstanden oder gar ignoriert wurde [15].
Während dessen schien die Krankheit sie immer mehr zu verschlingen. In den letzten Tagen soll sie auf Freunde kränklich gewirkt haben, man erkannte sie kaum wieder.
Am 06.07.1992 wurde Marsha P. Johnson dann im Hudson River gefunden.
Kurz vorher sollen Menschen sie gesehen haben, wie sie scheinbar panisch vor jemanden weglief - sie war überzeugt, die Mafia sei hinter ihr her.
An ihrer Leiche bemerkte man später eine Kopfverletzung, die Polizei jedoch war überzeugt, dass dies nichts mit ihrem Tod zu tun hatte.
Anstatt ihren Tod gründlich zu untersuchen, um einen tatsächlichen Mord ausschließen zu können, beschloss die Polizei, Marsha hätte Selbstmord begangen. Der Fall wurde abgeschlossen zum Bedauern aller. Marsha soll, obwohl sie an mentalen Erkrankungen litt, nicht selbstmordgefährdet gewesen sein [16]. Noch immer steht offen, warum Marsha sterben musste.
Ihr Leben lang wurde Marsha P. Johnson nicht akzeptiert, dabei opferte sie sich immer wieder für andere Menschen auf. Sie wurde für die Bewegung missbraucht, um Veränderung heraufzubeschwören, während sich für sie nichts änderte.
Die Bewegung baute sich auf den Schmerz der LGBTQAI+ auf, statt alle mitzunehmen aber gerieten viele in Vergessenheit, ihren Schmerz wurde mit Ignoranz begegnet.
Man lief nicht weiter für Menschen wie Marsha, viele hatten ihre Veränderung und das reichte ihnen. Dabei sind wir verpflichtet, so lange zu kämpfen, bis der letzte Mensch auf diesen Planeten seine Gleichberechtigung erreicht hat. Früher dürfen wir nicht aufhören zu kämpfen, das sind wir den Menschen schuldig, die von der Gesellschaft, uns, als ausgestoßen betitelt werden.

Marshas Leidensweg geriet so ebenfalls in Vergessenheit, während man sie als Märtyrerin der LGBTQAI+ Bewegung wieder auferstehen ließ und feierte, ohne anzuerkennen, wie man sie selbst noch aus der Bewegung ausschloss.
Obwohl eine afroamerikanische Draq Queen und Aktivistin diese Bewegung mit ins Leben rief, wurde sie und werden weitere aus der Bewegung und dem Aktivismus ausgeschlossen.
Noch immer werden Transgender ermordet. 350 Fälle allein 2019 in Deutschland [17].
Noch immer sehen viele keinen anderen Ausweg als Selbstmord. Transgender sind 6-mal so hoch gefährdet wie andere Menschen [18].
Noch immer werden Transgender diskriminiert. Schwarze Transgender Individuen umso mehr.
Wir wollen sie nicht auf unseren Toiletten haben. Wir wollen sie nicht in unserem Militär.
Wir äußern uns in der Öffentlichkeit gegen sie - oft ohne weitere Folgen für die Täter.
Quellen:
1] LGBTCenterNY: "Stonewall Forever - A Documentary about the Past, Present and Future of Pride", in: YouTube.com, 03.06.2019, URL: https://www.youtube.com/watch?v=GjRv7dJTync, Abruf am: 17.05.2021
[2] B. Annalena: "Die Legende von Stonewall", in: demokratiegeschichten.de, 28.06.2018, URL: https://www.demokratiegeschichten.de/die-legende-von-stonewall/
[3], [7], [14] New-York Historical Society, o.V.: "Life Story: Marsha P. Johnson (1945-1992)", in: nyhistory.org, URL: https://wams.nyhistory.org/growth-and-turmoil/growing-tensions/marsha-p-johnson/, Abruf am 17.05.2021
[4], [10] Watson, Steven: "Stonewall 1979: The Drag of Politics", in: villagevoice.com, 15.06.1979, URL: https://www.villagevoice.com/2019/06/04/stonewall-1979-the-drag-of-politics/, Abruf am 17.05.2021
[5], [15] Kasino, Michael: "Pay It No Mind – The Life and Times of Marsha P. Johnson", in: YouTube.com, 16.10.2012, URL: https://www.youtube.com/watch?v=rjN9W2KstqE
[6] Washington, KC: "Marsha P. Johnson (1945-1992)", in: blackpast.org, 09.04.2019, URL: https://www.blackpast.org/african-american-history/marsha-p-johnson-1945-1992/,Abruf am 17.05.2021
[8] Chan, Sewell: "Marsha P. Johnson", in: nytimes.com, 08.03.2018, URL: https://www.nytimes.com/interactive/2018/obituaries/overlooked-marsha-p-johnson.html, Abruf am 17.05.2021
[9] Carter, David: "Stonewall: The Riots that Sparked the Gay Revolution", 2004, New York: St. Martin's., S. 66
[11] MakingGayHistory: "Marsha P. Johnson & Randy Wicker", in: makinggayhistory.com, URL: https://makinggayhistory.com/podcast/episode-11-johnson-wicker/, Abruf am17.05.2021
[12], [13], [16] France, David; Teodosio, L.A.; Reed, Kimberly (Produzenten), France, David (Regisseur): "The Death and Life of Marsha P. Johnson" , 2017, United States: Netflix
[17] Gutsmiedl, Christina: "Ganz oben steht Selbstbestimmung", in: taz.de, 20.11.2020, URL: https://taz.de/Aktivistin-ueber-Gewalt-gegen-Trans/!5730266/, Abruf am: 17.05.2021
[18] Knuth, Christian: "Erschreckende Zahlen: So suizidgefährdet sind junge Queers", in: maenner.media, 11.09.2019, URL: https://www.maenner.media/gesundheit/psychologie/Metaanalyse-studien-suizidgefahr-lgbtiq/, Abruf am 17.05.2021
TRIGGERWARNUNG:
Dieser Artikel beinhaltet Trigger, also Auslöser schwieriger Gefühle, Erinnerungen oder Flashbacks. Es werden unter anderen Themen wie PROSTITUTION, DISKRIMINIERUNG, SELBSTMORD, VERGEWALTIGUNG und GEWALT GEGEN LGBTQAI+ behandelt. Bei manchen Menschen können diese Themen negative Reaktionen auslösen. Bitte sei achtsam, wenn das bei dir der Fall ist.

Stonewall Inn Unruhen 1969
Christopher Street, 1969.
Auf den Straßen stolzieren die Drag Queens stolz in ihren kunstvollen Kostümen unter den anderen Mitgliedern der LGBTQAI+ Community umher. Viele Außenstehende kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus, sind angetan von dem faszinierenden Auftreten, es werden hier und da ein paar Fotos geknipst.
Währenddessen tummeln sich die Menschenmassen vor den Türen der Bars der Schwulen und Lesbenszene. Man wartet darauf, dass man endlich in die scheinbare Utopie von Akzeptanz abtauchen kann, fern von all der Intoleranz der breiten Gesellschaft, hinein in die Menge der Gleichgesinnten, von denen ihre Liebe als wahrhaftig angesehen wurde, nicht etwa als illegaler Akt.
Auch vor der berühmten Bar "Stonewall Inn" sammeln sich die Leute draußen vor den Türen. Hier kannte man sich untereinander, man verstand sich.
Im Inneren zwängte man sich nebeneinander, tanzte, soweit es vom Platz her möglich war, denn das Tanzen mit dem gleichen Geschlecht war im "Stonewall Inn" ausnahmsweise erlaubt.
Geschlecht oder Hautfarbe spielten nur gering eine Rolle erzählen Zeitzeugen [1]. Hier war es vielfältig, hier war es bunt.
Von kompletter Gelassenheit zu sprechen wäre aber genauso falsch wie die Schwierigkeiten für die LGBTQAI+ zu dieser Zeit zu ignorieren. Die Bars galten als eine Art Ruhestelle, aber auch diese wurde von Zeit zur Zeit immer wieder von Intoleranz infiltriert.
Homosexuelle Menschen fühlten sich in der eigenen Liebe und Geschlechtsauslebung noch immer nicht frei oder akzeptiert.
Von der Gesellschaft wurde man verpönt, zusammengeschlagen, schikaniert, ausgestoßen, zwangshaft geoutet, gar ermordet. War man homosexuell, galt man in der Gesellschaft als psychisch gestört. Man genoss keinen Schutz der Polizei, eher das Gegenteil war der Fall.
Bei jedem Bargang spürte man im Inneren tiefe Anspannung.
Die Polizei führte täglich gezielt mehrere Razzien aus in der berühmt berüchtigten Christopher Street - denn sie wussten hier sammelten sich die Ausgestoßenen, die, die von der Gesellschaft in Stich gelassen wurden.
Nähern sich Polizisten, wird es für gewöhnlich ruhig.
Nähern sich Polizisten wird klar, dass man in der Gesellschaft noch immer nicht gewollt ist.
Nähern sich Polizisten wird klar, es wird versucht die eigene Identität mit Gewalt zu unterdrücken.
Noch akzeptierte man die tägliche Schikane, die Prügel der Polizei, die ungerechten Festnahmen.
Bis zum revolutionären Datum, den 28. Juni 1969.
Diesmal lief man auf sie zu. Eine Stimmung des Aufbruchs brodelte in den Leuten hervor, ausgelöst durch die Jahre lang andauernden Ungerechtigkeiten.
Schaute man sich um, war man kein einziges Individuum, man war Teil einer großen Gruppe, die Jahre lang dasselbe Leid ertragen musste.
An jenem Abend nahm die Polizei grundlos mehrere Personen fest, einige von ihnen Drag Queens, die sich allein durch ihre Kleidung vor dem Gesetz strafbar machten. Denn "Crossdressing" galt als illegal. Bereits in der berühmten Bar sollen einige von der Polizei misshandelt worden sein [2].
Inmitten all diesen Tumults bewegte sich auch die, mit ihren ebenso kunstvollen Auftreten und extravagant gestalteten Blumenkronen, afroamerikanische LGBTQAI+ Aktivistin und Ikone Marsha P. Johnson. Das P. steht nach ihren Angaben für Pay It No Mind, Kümmer dich nicht darum.
Viele sind sich sicher, sie wäre der Anfang von allem gewesen.
Die Befreierin ihrer Brüder und Schwestern. Jeder kannte sie.
Biografie

Marsha P. Johnson (24.08.1945 - 06.07.1992)
Marsha P. Johnson kam am 24. August 1945 in New Jersey unter den eigentlichen Namen Malcolm Michaels Jr. als biologisch männlich auf die Welt.
Was sie nicht davon abhielt sich bereits ab dem fünften Lebensjahr mit "weiblicher Kleidung" zu bestücken.
Bereits in jungen Jahren wurde sie aufgrund ihres Erscheinungsbildes von einem älteren Jungen vergewaltigt, was sie schweren Herzens dazu veranlasste ihre eigene Identität zu unterdrücken [3]. Sie verstand ihre Liebe als unmöglich. Schwul zu sein war für sie wie ein Traum, unerreichbar [4]. Auch im eigenen Elternhaus traf die Auslebung ihrer Selbst auf Ablehnung.
Ist man schwul, so sei man weniger Wert als ein Hund auf der Straße, sagte ihre Mutter einst [5].
Mit gerade einmal 17 Jahren landete Marsha so mit 15$ in der Tasche auf den Straßen von New York.
Sie war noch ein Kind als sie sich aus Not heraus der Prostitution hingeben musste, um ihr Überleben zu sichern [6]. Für viele junge Transgender und Drag Queens war dieser Zustand die harte Realität. Es war die einzige Möglichkeit, um Geld aufzutreiben. Alles andere schien aussichtslos, denn niemand wollte Menschen wie Marsha einstellen oder bei sich wohnen lassen. Niemand wollte ihnen die Hand reichen - ihnen ein Gefühl von Geborgenheit gewähren.
Als Sexarbeiterin geriet sie auch immer wieder in gefährliche Situationen, in denen sie zusammengeschlagen wurde, von Männern mit Waffen bedroht wurde, sogar angeschossen wurde [7].
Mit ihren 17 Jahren lernte sie auch ihre beste Freundin, die damals 11-jährige Sylvia Rivera kennen, die ein ähnliches Schicksal wie Marsha teilte. Sie war Transgender und ebenso obdachlos. (Der Begriff Transgender war zu jener Zeit noch nicht im Gebrauch. Eher nutze man die Bezeichnung Transvestit.)
Allgemein lebten Marsha und Sylvia bis zu ihrem Lebensende in bescheidenen Verhältnissen, sie waren arm und trugen wenig Besitz bei sich.
Trotz dessen half Marsha immer wieder Menschen in Not. Sie nahm regelrecht ihre eigene Kleidung von ihrem Leib, um sie anderen Menschen zu schenken. Marsha war ein sehr selbstloser und großzügiger Mensch, der sich mehr um andere zu sorgen schien als um sich selbst.
Dabei wurde ihr kaum geholfen. Sie machte mehr als 100 Verhaftungen durch. Landete immer wieder auf der Straße. Wurde wieder und wieder misshandelt.
Gleichzeitig wurde sie von psychischen Krankheiten geplagt und erlitt in ihrem Leben einige mentale Zusammenbrüche [8].
Doch auch hier bot man Marsha keine Hilfe an, sie musste allein gegen ihre Dämonen kämpfen.
Einige betonen hierbei Marshas duale Persönlichkeit und schizophrenen Episoden, die mit ihrer anderen Seite Malcom auftraten.
Lebte sie als Malcolm, erkannten ihre Freunde sie kaum wieder. Er zettelte Kämpfe an, war aggressiv [9].
Marsha brauchte Hilfe - doch niemand wollte sich ihr zuwenden.
Eher versuchte man sich von ihr fernzuhalten [10].
Kampf um Gleichberechtigung
Seit dem das Stonewall Inn auch Frauen und Drag Queens einlud und bei sich arbeiten ließ, besuchte auch Marsha die Bar regelmäßig.
Während der Aufruhen 1969 und bei den darauffolgenden Märschen war sie ebenso dabei.
Wobei sie selbst verneint, der Anfang von der Bewegung gewesen zu sein [11].
Im Kampf um Gleichberechtigung bezeichnete man sie als Heilige, gekreuzigt für die Rechte ihrer Mitmenschen.
Auch 1970 traten beide, Marsha und Sylvia, der Gay Liberation Front bei und setzten sich für Gleichberechtigung ein. Zwei Jahre später gründeten beide die Organisation S.T.A.R.
Mit Hilfe des Geldes, welches sie bei der Sexarbeit zusammen bekamen, mieteten sie ein Gebäude, ohne Elektrizität, in dem um die 20 Personen lebten, darunter Drag Queens und Transgender [12].
Man versuchte den ausgestoßenen Menschen ein Zuhause zu geben, Essen und Klamotten. Sie wollten verhindern, dass weitere das gleiche Schicksal erlitten wie einst sie.
Aufgrund von fehlenden Einnahmen musste S.T.A.R nach gut einem Jahr schließen. Viele landeten wieder auf der Straße, das Gefühl von einstiger Geborgenheit tief in ihnen verankert.

Marsha P. Johnson & Sylvia Rivera (24.06.1973)
Auch im Kampf um LGBTQAI+ Rechte erlitt Marsha zusammen mit Sylvia 1973 einen Rückschlag.
Obwohl sie sich immer für die Rechte ihrer homosexuellen Brüder und Schwestern einsetzte, verbat man ihnen am Protest teilzunehmen. Beide widersetzten sich und liefen stattdessen an der Spitze. Die nun beinahe ausschließlich weißen, bürgerlichen, Cisgender Mitglieder, die die Bewegung an sich gerissen hatten, buhten Sylvia bei ihrer Rede 1973 sogar aus [13].
Innerhalb der Bewegung schämte man sich für Transgender und Drag Queens wie Sylvia und Marsha. Statt dass man ihre Rolle in der Bewegung anerkannte, wurden sie erneut ausgegrenzt.
Drag Ikone Marsha

Trotz all ihrer Errungenschaften hatte Marsha ohne ihre kunstvollen Aufmachung wenig Selbstwert.
Sie selbst sah sich ohne ihr Dasein als Drag Queen als ein Niemand an. Tatsächlich galt sie als sehr erfolgreiche Drag Queen Amerikas und der Welt.
Marsha kannte man als Drag Queen, eine Kunstfigur. Das wollten die Menschen sehen, nicht etwa das gebrochene Individuum unter der Maske. Marsha Pay It No Mind Johnson.
1974 posierte sie auch als Modell für den homosexuellen Künstler Andy Warhol unter seiner Reihe "Ladies and Gentleman" und trat auch in seiner Dragshow auf. Auf der Ausstellung in der Galerie wurde sie jedoch nicht geduldet [14]. Unter dem Bild war Marshas Name nicht angegeben, Warhol erzeugte somit ein Bild der "Anderen".
Kampf um AIDS und Marshas Tod
Um 1990 infizierte Marsha sich mit der Erkrankung AIDS. Als Antwort auf diese erschütternde Diagnose engagierte sie sich 1987-1992 als AIDS Aktivistin in der Organisation ACT UP, um auf die Epidemie aufmerksam zu machen, die von der breiten Bevölkerung missverstanden oder gar ignoriert wurde [15].
Während dessen schien die Krankheit sie immer mehr zu verschlingen. In den letzten Tagen soll sie auf Freunde kränklich gewirkt haben, man erkannte sie kaum wieder.
Am 06.07.1992 wurde Marsha P. Johnson dann im Hudson River gefunden.
Kurz vorher sollen Menschen sie gesehen haben, wie sie scheinbar panisch vor jemanden weglief - sie war überzeugt, die Mafia sei hinter ihr her.
An ihrer Leiche bemerkte man später eine Kopfverletzung, die Polizei jedoch war überzeugt, dass dies nichts mit ihrem Tod zu tun hatte.
Anstatt ihren Tod gründlich zu untersuchen, um einen tatsächlichen Mord ausschließen zu können, beschloss die Polizei, Marsha hätte Selbstmord begangen. Der Fall wurde abgeschlossen zum Bedauern aller. Marsha soll, obwohl sie an mentalen Erkrankungen litt, nicht selbstmordgefährdet gewesen sein [16]. Noch immer steht offen, warum Marsha sterben musste.
Ihr Leben lang wurde Marsha P. Johnson nicht akzeptiert, dabei opferte sie sich immer wieder für andere Menschen auf. Sie wurde für die Bewegung missbraucht, um Veränderung heraufzubeschwören, während sich für sie nichts änderte.
Die Bewegung baute sich auf den Schmerz der LGBTQAI+ auf, statt alle mitzunehmen aber gerieten viele in Vergessenheit, ihren Schmerz wurde mit Ignoranz begegnet.
Man lief nicht weiter für Menschen wie Marsha, viele hatten ihre Veränderung und das reichte ihnen. Dabei sind wir verpflichtet, so lange zu kämpfen, bis der letzte Mensch auf diesen Planeten seine Gleichberechtigung erreicht hat. Früher dürfen wir nicht aufhören zu kämpfen, das sind wir den Menschen schuldig, die von der Gesellschaft, uns, als ausgestoßen betitelt werden.

Marshas Leidensweg geriet so ebenfalls in Vergessenheit, während man sie als Märtyrerin der LGBTQAI+ Bewegung wieder auferstehen ließ und feierte, ohne anzuerkennen, wie man sie selbst noch aus der Bewegung ausschloss.
Obwohl eine afroamerikanische Draq Queen und Aktivistin diese Bewegung mit ins Leben rief, wurde sie und werden weitere aus der Bewegung und dem Aktivismus ausgeschlossen.
Noch immer werden Transgender ermordet. 350 Fälle allein 2019 in Deutschland [17].
Noch immer sehen viele keinen anderen Ausweg als Selbstmord. Transgender sind 6-mal so hoch gefährdet wie andere Menschen [18].
Noch immer werden Transgender diskriminiert. Schwarze Transgender Individuen umso mehr.
Wir wollen sie nicht auf unseren Toiletten haben. Wir wollen sie nicht in unserem Militär.
Wir äußern uns in der Öffentlichkeit gegen sie - oft ohne weitere Folgen für die Täter.
Quellen:
1] LGBTCenterNY: "Stonewall Forever - A Documentary about the Past, Present and Future of Pride", in: YouTube.com, 03.06.2019, URL: https://www.youtube.com/watch?v=GjRv7dJTync, Abruf am: 17.05.2021
[2] B. Annalena: "Die Legende von Stonewall", in: demokratiegeschichten.de, 28.06.2018, URL: https://www.demokratiegeschichten.de/die-legende-von-stonewall/
[3], [7], [14] New-York Historical Society, o.V.: "Life Story: Marsha P. Johnson (1945-1992)", in: nyhistory.org, URL: https://wams.nyhistory.org/growth-and-turmoil/growing-tensions/marsha-p-johnson/, Abruf am 17.05.2021
[4], [10] Watson, Steven: "Stonewall 1979: The Drag of Politics", in: villagevoice.com, 15.06.1979, URL: https://www.villagevoice.com/2019/06/04/stonewall-1979-the-drag-of-politics/, Abruf am 17.05.2021
[5], [15] Kasino, Michael: "Pay It No Mind – The Life and Times of Marsha P. Johnson", in: YouTube.com, 16.10.2012, URL: https://www.youtube.com/watch?v=rjN9W2KstqE
[6] Washington, KC: "Marsha P. Johnson (1945-1992)", in: blackpast.org, 09.04.2019, URL: https://www.blackpast.org/african-american-history/marsha-p-johnson-1945-1992/,Abruf am 17.05.2021
[8] Chan, Sewell: "Marsha P. Johnson", in: nytimes.com, 08.03.2018, URL: https://www.nytimes.com/interactive/2018/obituaries/overlooked-marsha-p-johnson.html, Abruf am 17.05.2021
[9] Carter, David: "Stonewall: The Riots that Sparked the Gay Revolution", 2004, New York: St. Martin's., S. 66
[11] MakingGayHistory: "Marsha P. Johnson & Randy Wicker", in: makinggayhistory.com, URL: https://makinggayhistory.com/podcast/episode-11-johnson-wicker/, Abruf am17.05.2021
[12], [13], [16] France, David; Teodosio, L.A.; Reed, Kimberly (Produzenten), France, David (Regisseur): "The Death and Life of Marsha P. Johnson" , 2017, United States: Netflix
[17] Gutsmiedl, Christina: "Ganz oben steht Selbstbestimmung", in: taz.de, 20.11.2020, URL: https://taz.de/Aktivistin-ueber-Gewalt-gegen-Trans/!5730266/, Abruf am: 17.05.2021
[18] Knuth, Christian: "Erschreckende Zahlen: So suizidgefährdet sind junge Queers", in: maenner.media, 11.09.2019, URL: https://www.maenner.media/gesundheit/psychologie/Metaanalyse-studien-suizidgefahr-lgbtiq/, Abruf am 17.05.2021
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