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Josies Werke
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Woke Shit
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Der Lost Cause - das Gift der amerikanischen Südstaaten
Der Lost Cause - das Gift der amerikanischen Südstaaten

Der amerikanische Bürgerkrieg begann 1861 und endete 1865. Die Ursache war von politischer, wirtschaftlicher und sozialer Natur und begründete sich auf der Sklavenfrage, die schon seit 1830 zwischen Nord – und Südstaaten heftige Differenzen auslöste, welche sich mit den Jahren immer weiter zuspitzten. Es folgte eine Sezession seitens der Südstaaten, die nicht bereit waren, ihren Sklaven Freiheit zu gewähren und ihre idealisierte „schöne, alte Welt“ aufzugeben. Der Krieg forderte 620.000 Menschen das Leben und endete mit dem Sieg der Nordstaaten unter der Präsidentschaft Abraham Lincolns [1]. Paradoxerweise kämpften beide Parteien – Demokraten und Republikaner – für die Freiheit. Bis in die Neuzeit bleiben diese widersprüchlichen Freiheitsbilder zwischen Norden und Süden bestehen. Ein weiteres „Vermächtnis“ des Bürgerkrieges ist der Mythos „Lost Cause“, der sich fest in die Mentalität der Südstaatler verwurzelt hat und bis heute nachwirkt. Was hinter diesem Mythos steckt und welche Gefahren mit ihm einhergehen, wird in diesem Artikel thematisiert.
Man schreibt das Jahr 1865 – die USA liegt in Trümmern. Besonders der Süden ist wirtschaftlich schwer von dem Krieg betroffen, weil die Schlachten größtenteils dort ausgefochten wurden. Die „Reconstruction Ära“ setzte ein, somit auch das Verbot der Sklaverei, auf der die Wirtschaft des Südens basierte. Die Sklaverei begründete aber nicht nur ein wirtschaftliches Fundament, sondern gar ein kulturelles, welches nun wegbrach. Die Südstaatler mussten sich einer Identitätskrise stellen, der sie aus dem Weg zu gehen versuchten. Beleuchtet man die USA zu Anfängen ihrer Geschichte zur Zeit der britischen Kolonisierung im 17. Jahrhundert, kristallisierten sich bereits hier Unterschiede zwischen den südlichen und nördlichen Kolonien heraus [2]. Alexis de Tocqueville, französischer Publizist, Politiker und Historiker, sagte schon auf seiner einjährigen Reise 1831 in die noch junge USA voraus, dass der Süden eines Tages enden werde, indem der Norden sie dominiere. Er beobachtete nämlich, dass unter anderem im Süden kaum Schulen vorzufinden waren. Das Bildungswesen schwächelte im Gegensatz zu dem im Norden stark. Während in den Nordstaaten 95% der Bevölkerung schreiben konnte, waren es im Süden hingegen nur 80%. Um 1850 wurde in den Nordstaaten gar ein staatliches Schulsystem eingeführt, und vergleichend mit dem Süden, besuchten im Norden doppelt so viele Jugendliche die Schulen. Dieses Phänomen spiegelt auch den Faktor der Industrialisierung und somit der Wirtschaft wider. In den Südstaaten herrschte eine handwerklich-orientierte Prä-Marktwirtschaft und in den Nordstaaten hingegen eine moderne, amerikanische Wirtschaft mit Massenproduktion und Massenkonsum. Im Süden setzte man auf das Baumwollimperium, welches ¾ des Weltmarktes deckte, wohingegen im Norden wirtschaftliche Entwicklung und Innovationen im Vordergrund standen [3]. Die wirtschaftliche Rückständigkeit des Südens wurzelte aus ihrer Ideologie. David W. Blight, Professor amerikanischer Geschichte der Yale University, sagte, dass sich diese aus einer konservativen Weltansicht, einer Zusammenstellung aus Überzeugungen zusammensetze, als auch aus dem tiefen Glauben an ein hierarchisches Konzept. Dieses besagt, dass alles so geordnet sei, wie es ist und man an dieser sozialen Ordnung nicht rütteln dürfe – manche Leute seien geboren, um dies oder das zu sein. Sie seien besessen von Stabilität und mochten keine Reformatoren, wie sie bei den „Yankees“ vorzufinden waren, welche die Sklaverei abschaffen wollten. Auch wenn sich die Südstaatler ebenfalls als Kapitalisten bezeichneten, kritisierten sie den nördlichen Kapitalismus stark und als bösartig, da er auf Innovationen und Veränderung setzte. Die Sklaverei war also nicht nur eine wirtschaftliche Institution, wo weiße Patriarchen von der Ausbeutung und dem Leiden unschuldiger Menschen finanziell profitierten, sondern war auch von kultureller Wichtigkeit. Denn nach der Meinung der Ausbeuter verhalf die Sklaverei ihnen zu einer agrarwirtschaftlichen, utopischen Zivilisation. Es war eine „Lebensweise“. Wilbur J. Cash, amerikanischer Journalist, definierte die Südstaatler als Menschen, die eine Zuneigung zu falschen Werten hätten, wie Gewalt, dass sie von Fiktion fasziniert wären, und dass in ihnen die Tendenz innewohne, Grausamkeiten wie die Sklaverei irrational zu rechtfertigen und ihnen eine Legitimation zuzuschreiben [4]. Mit der Niederlage des Krieges fand dies jedoch immer noch nicht sein Ende. Im Gegenteil: die Südstaatler waren tief davon überzeugt, dass diejenigen den endgültigen Sieg erlangen würden, die das Spiel des Schreibens gewinnen, also den Kampf um die Geschichte. Schon kurz nach dem Bürgerkrieg begannen sie die Geschichte umzuschreiben und eine falsch konstruierte Wahrheit hervorzubringen und zu vermitteln. Es bildete sich die Bewegung „Lost Cause“, die von Historikern und Politikern, also von Intellektuellen, herbeigeführt und getragen wurde. Die Hauptlehren des „Lost Cause“ besagen:
Der Kampf der Südstaatler war heroisch
Versklavte Menschen waren glücklich
Sklaverei war nicht der Ursprung des Bürgerkrieges

"The Lost Cause" von Henry Mosler (1869)
Einen wichtigen Beitrag zum Bestehen des „Lost Cause“ haben die „The United Daughters of the Confederacy“ geleistet – ein im Jahr1894 in Nashville gegründeter Verband von Frauen, die von elitären Vorkriegsfamilien stammten und die Kultur des alten Südens wahren wollten. Dies taten sie, indem sie ihre soziale und politische Macht ausübten und Denkmäler von alten Südstaaten Generälen und Soldaten bauen ließen, um ihre Kämpfe zu ehren. Wichtig war ihnen vor allem ihre Sichtweise des Krieges an jüngere Generationen weiterzugeben - besonders zu der Zeit als die Kriegsveteranen um die Jahrhundertwende starben.
Ein sehr wirksames Instrument waren hierbei Textbücher, die in Schulen gelesen wurden. Mildred Rutherford, eine Pädagogin, Rednerin und Historikerin, verfasste ein Pamphlet namens „A Measuring Rod for Text-Books“, welches eine Art Richtlinie darstellte, an welche sich Schulbücher in den Südstaaten halten mussten. Richtlinien dieses Buches besagten beispielsweise, dass von keinen Schulbüchern gelehrt werden dürfte, die nicht deutlich vermittelten, dass dem Süden Ungerechtigkeit widerfahren sei oder dass Sklavenhalter gesittet mit ihren Sklaven umgegangen seien. Schulbücher dieser Art existierten bis in die 1970er Jahre im Bildungswesen.
Zudem gründeten sie den Verein „Children of the Confederacy“, wo Kinder nach dem Schulunterricht patriotische Südstaaten Lieder wie „Dixie“ sangen und auf Veteranen trafen [5].

"The United Daughters of the Confederacy" um 1910

Denkmal, um den Südstaaten Präsidenten Jefferson Davis (1861-1865) zu ehren. Dieses wurde im vergangenem Jahr während der Black Lives Matter Bewegung beschmutzt.
Eine historisch und politisch bedeutende Schlüsselfigur der amerikanischen Geschichte sorgte 1915 durch seinen enormen Einfluss auf die Bevölkerung für das Fortbestehen dieses Mythos. Dieser jemand war kein geringerer als der 28. Präsident der USA – Woodrow Wilson. Da er nicht nur Politikwissenschaft, sondern auch Geschichte studiert hatte, wurden seinen Kenntnissen und Ansichten auf diesem Gebiet fälschlicherweise eine hohe Glaubwürdigkeit zugeschrieben. Der Ku-Klux-Klan, eine gewalttätige und rassistische Organisation, die nach dem Bürgerkrieg entstand und verantwortlich für zahlreiche Lynchmorde und Übergriffe an Afroamerikaner war, erhielt von dem Präsidenten öffentliche Wertschätzung, da sie den Süden vor angeblicher sklavischer Auflehnung gegenüber Weißen geschützt hätte. Zudem verfasste sein Freund Thomas Dixon Jr. ein Buch, welches später von D. W. Griffith verfilmt wurde und den Namen „Die Geburt einer Nation“ trägt. Dieser 1915 erschienene Film wurde als ein Meisterwerk seiner Zeit hochgepriesen und hatte einen erheblichen kulturellen Einfluss auf das gesamte Volk. Dies lag nicht zuletzt daran, dass Wilson den Film gar im Weißen Haus vorführen ließ mit einer anschließenden, pompösen Feier. Der Film handelte im Kern vom „Lost Cause“ und porträtierte Anhänger des Ku-Klux-Klans als Helden, wohingegen Afroamerikaner in die Täterrolle gedrängt wurden. So wird beispielsweise eine Szene gezeigt, wo eine schöne, unschuldige Südstaatlerin von einem farbigen Mann bedrängt und belästigt wird und sie sich deshalb von einer Klippe stürzt. Am Ende rächt sich der Klan an dem farbigen Mann. Afroamerikanische Charaktere wurden, so wie es zur Zeit des 18. und 19. Jahrhunderts üblich war, von weißen Menschen gespielt, die sich schwarze Farbe ins Gesicht malten – auch „Blackfacing“ genannt. Hierbei wurde sich an bestimmte Stereotypen bedient. Sklaven wurden naiv, dümmlich oder als singende Frohnaturen dargestellt. Durch den Film und durch den Präsidenten erhielt der Ku-Klux-Klan wieder an deutlich mehr Aufmerksamkeit und insbesondere an viel Verehrung, die diesmal von der Ostküste bis zur Westküste reichte [6].

Filmplakat von "Die Geburt einer Nation"
Ein weiterer Film, der zur Glorifizierung des alten Südens beigetragen hat, war „Vom Winde verweht“. Dieser erschien 1939 und basierte auf dem Roman von Margaret Mitchell. Er handelt von der impulsiven Südstaatenschönheit Scarlett O´Hara (Vivien Leigh), die aufgrund des Bürgerkrieges dabei zusehen muss wie ihr privilegiertes, unbeschwertes Leben auf der Baumwollplantage ihres Vaters langsam zu Staub verfällt. Nicht zuletzt, weil ihre große Liebe „ehrenvoll“ für die Werte seiner Heimat, also das Fortbestehen der Sklaverei, in den Krieg zieht. Trotz dessen, dass der Film während einer der prägendsten Zeiten der amerikanischen Geschichte spielt, stellt er fast ausschließlich Scarletts tragisches Liebesleben in den Vordergrund, setzt sich lieber mit ihrer Launenhaftigkeit und ignoranten Sentimentalität auseinander als mit wirklich wichtigen politischen Thematiken. Als wäre das nicht genug, stellt er historische Begebenheiten fälschlich dar, indem er das Leben auf der Plantage und die Beziehung zwischen Sklavenhaltern und Sklaven als friedlich und harmonisch repräsentiert. Der Film zeichnet das Leben auf der Plantage als ein märchenhaftes, kultiviertes Idyll, das an ein Schlossleben erinnert, wo die Prinzessin Scarlett lebt und thront, bis durch die „bösen“ Nordstaatler alles zusammenzubrechen droht. Tragischerweise erhielt Hattie McDaniel 1940 für ihre Rolle als loyale Sklavin Mammy den Oscar als erste farbige Frau der Geschichte. Der Film zählt bis heute zu den größten Hollywood Klassikern und als erfolgreichster Film im Allgemeinen. Problematisch ist, dass er bis heute unkommentiert bleibt, das heißt, dass er noch immer ohne erforderliche Kontextualisierung produziert und gezeigt wird, sodass die utopische, idealisierte Sichtweise des Südens weiterhin existent bleibt [7].

"Vom Winde verweht" (1939)

Vivien Leigh als Scarlett O'Hara und Hattie McDaniel als Mammy
Der „Lost Cause“ ist deshalb so gefährlich, weil er als Argument, als Legitimation genutzt wurde, um rassistische Machtstrukturen systematisch beizubehalten und das bis in die heutige Zeit. Die wertvollste Errungenschaft des amerikanischen Bürgerkrieges war der 13. Zusatzartikel der Verfassung, der durch Abraham Lincoln herbeigeführt wurde und der gesetzlich untersagt, Menschen zu versklaven. Der „Lost Cause“ sorgte dafür dies zu umgehen. Nach dem Bürgerkrieg wurden die „Jim-Crow-Gesetze“ verabschiedet, die für die Rassentrennung sorgten, welche bis zu den „Civil Rights Acts“ 1964 beibehalten wurden. Am 14. Juli 2015 hielt der damalige Präsident Barack Obama eine Rede beim „NAACP's 106th national convention“ und führte auf, warum das Strafjustizsystem reformiert werden müsste.
„Die Vereinigten Staaten von Amerika beheimaten 5% der gesamten Weltbevölkerung, aber auch 25% der Strafgefangenen weltweit." Farbige Menschen wurden bereits nach dem Bürgerkrieg kriminalisiert und kamen aufgrund geringfügiger Straftaten wie Herumlungern oder Landstreicherei jahrelang ins Gefängnis. Das Ausmaß der Strafgefangenen nahm mit den Jahrzehnten stets weiter zu, doch insbesondere in den 1970er Jahren, aufgrund der von Richard Nixon eingeführten „Law and Order“ - durch welche das Eingreifen der Polizei im Volk verschärft wurde. Es war eine Gegenreaktion auf die zahlreichen, gerechtfertigten Bewegungen, die in den 60er Jahren unter anderem aufgrund des Vietnam Krieges, entsprungen sind. Die Bürgerrechtsbewegung – angeführt von Martin Luther King - die Antikriegsbewegung, oder die Frauenbewegung. Viele junge Menschen begaben sich nicht nur auf eine politische Sinnsuche, sondern auch auf eine spirituelle Reise, um sich selbst zu ergründen. So griffen die sogenannten „Hippies“ nicht selten zu bewusstseinserweiternden Drogen wie LSD oder Marihuana. Dieser Drogenmissbrauch wurde allerdings viel strenger auf farbige Menschen projiziert als auf Weiße. Bis heute schlägt das Wellen – Afroamerikaner erhalten viel längere Haftstrafen für den Besitz oder Missbrauch von Drogen. So erkennt man rückwirkend, dass immer wieder systematisch Wege gefunden wurden, um die Ausgrenzung und den Rassismus weiterhin im Land aufrechtzuerhalten. Man könnte sogar sagen die Sklaverei wurde in einer wenn auch abgeminderten Form beibehalten, modernisiert, oder auch legalisiert. Gerade deshalb ist es wichtig gegen giftige Mythen der Täter anzugehen und sie zu eliminieren, was nur durch Aufklärungsarbeit erfolgen kann. Genauso wichtig ist es jedoch diese veralteten Strukturen, die auch in der Politik verwoben sind, aufzuzeigen und zu zerstören [8].
Quellen:
[1] Bierling, Stephan: "Das blutigste Gemetzel, das die USA je erlebten.", in: welt.de, 14.02.201, URL: https://www.welt.de/kultur/history/article12488612/Das-blutigste-Gemetzel-das-die-USA-je-erlebten.html, Abruf am: 12.04.2021
[2] Nagler, Jörg: "Von den Kolonien zur geeinten Nation.", in: bpb.de, 20.03.2014 URL: https://www.bpb.de/izpb/181023/von-den-kolonien-zur-geeinten-nation, Abruf am 12.04.2021
[3] McPherson, James. (2011): "Für die Freiheit sterben." Anaconda Verlag GmbH, Köln. S.10-19.
[4] Yale Courses: "3. Southern World View: The Old South and Proslavery Ideology.", in: Youtube.com, 21.11.2008, URL: https://www.youtube.com/watch?v=yRfByLRO5xs&t=4s
[5] Vox: "How Southern socialites rewrote Civil War history.", in: Youtube.com, 25.10.2017, URL: https://www.youtube.com/watch?v=dOkFXPblLpU
[6] TheCynicalHistorian: "Understanding the Lost Cause Myth." , in: YouTube.com,16.04.2020, URL: https://www.youtube.com/watch?v=5EOhXF5lNgQ
[7] Dommann, Monika: "Alle verdienen am geschönten Bild der Sklaverei mit.", in srf.de, 14.06.2020 URL: https://www.srf.ch/news/panorama/kritik-an-vom-winde-verweht-alle-verdienen-am-geschoenten-bild-der-sklaverei-mit
[8] DuVernay, Eva; Averick, Spencer; et al. (Produzenten), & DuVernay, Ava (Regisseurin): "13th.", 2016, United States: Kandoo Films
Der amerikanische Bürgerkrieg begann 1861 und endete 1865. Die Ursache war von politischer, wirtschaftlicher und sozialer Natur und begründete sich auf der Sklavenfrage, die schon seit 1830 zwischen Nord – und Südstaaten heftige Differenzen auslöste, welche sich mit den Jahren immer weiter zuspitzten. Es folgte eine Sezession seitens der Südstaaten, die nicht bereit waren, ihren Sklaven Freiheit zu gewähren und ihre idealisierte „schöne, alte Welt“ aufzugeben. Der Krieg forderte 620.000 Menschen das Leben und endete mit dem Sieg der Nordstaaten unter der Präsidentschaft Abraham Lincolns [1]. Paradoxerweise kämpften beide Parteien – Demokraten und Republikaner – für die Freiheit. Bis in die Neuzeit bleiben diese widersprüchlichen Freiheitsbilder zwischen Norden und Süden bestehen. Ein weiteres „Vermächtnis“ des Bürgerkrieges ist der Mythos „Lost Cause“, der sich fest in die Mentalität der Südstaatler verwurzelt hat und bis heute nachwirkt. Was hinter diesem Mythos steckt und welche Gefahren mit ihm einhergehen, wird in diesem Artikel thematisiert.
Man schreibt das Jahr 1865 – die USA liegt in Trümmern. Besonders der Süden ist wirtschaftlich schwer von dem Krieg betroffen, weil die Schlachten größtenteils dort ausgefochten wurden. Die „Reconstruction Ära“ setzte ein, somit auch das Verbot der Sklaverei, auf der die Wirtschaft des Südens basierte. Die Sklaverei begründete aber nicht nur ein wirtschaftliches Fundament, sondern gar ein kulturelles, welches nun wegbrach. Die Südstaatler mussten sich einer Identitätskrise stellen, der sie aus dem Weg zu gehen versuchten. Beleuchtet man die USA zu Anfängen ihrer Geschichte zur Zeit der britischen Kolonisierung im 17. Jahrhundert, kristallisierten sich bereits hier Unterschiede zwischen den südlichen und nördlichen Kolonien heraus [2]. Alexis de Tocqueville, französischer Publizist, Politiker und Historiker, sagte schon auf seiner einjährigen Reise 1831 in die noch junge USA voraus, dass der Süden eines Tages enden werde, indem der Norden sie dominiere. Er beobachtete nämlich, dass unter anderem im Süden kaum Schulen vorzufinden waren. Das Bildungswesen schwächelte im Gegensatz zu dem im Norden stark. Während in den Nordstaaten 95% der Bevölkerung schreiben konnte, waren es im Süden hingegen nur 80%. Um 1850 wurde in den Nordstaaten gar ein staatliches Schulsystem eingeführt, und vergleichend mit dem Süden, besuchten im Norden doppelt so viele Jugendliche die Schulen. Dieses Phänomen spiegelt auch den Faktor der Industrialisierung und somit der Wirtschaft wider. In den Südstaaten herrschte eine handwerklich-orientierte Prä-Marktwirtschaft und in den Nordstaaten hingegen eine moderne, amerikanische Wirtschaft mit Massenproduktion und Massenkonsum. Im Süden setzte man auf das Baumwollimperium, welches ¾ des Weltmarktes deckte, wohingegen im Norden wirtschaftliche Entwicklung und Innovationen im Vordergrund standen [3]. Die wirtschaftliche Rückständigkeit des Südens wurzelte aus ihrer Ideologie. David W. Blight, Professor amerikanischer Geschichte der Yale University, sagte, dass sich diese aus einer konservativen Weltansicht, einer Zusammenstellung aus Überzeugungen zusammensetze, als auch aus dem tiefen Glauben an ein hierarchisches Konzept. Dieses besagt, dass alles so geordnet sei, wie es ist und man an dieser sozialen Ordnung nicht rütteln dürfe – manche Leute seien geboren, um dies oder das zu sein. Sie seien besessen von Stabilität und mochten keine Reformatoren, wie sie bei den „Yankees“ vorzufinden waren, welche die Sklaverei abschaffen wollten. Auch wenn sich die Südstaatler ebenfalls als Kapitalisten bezeichneten, kritisierten sie den nördlichen Kapitalismus stark und als bösartig, da er auf Innovationen und Veränderung setzte. Die Sklaverei war also nicht nur eine wirtschaftliche Institution, wo weiße Patriarchen von der Ausbeutung und dem Leiden unschuldiger Menschen finanziell profitierten, sondern war auch von kultureller Wichtigkeit. Denn nach der Meinung der Ausbeuter verhalf die Sklaverei ihnen zu einer agrarwirtschaftlichen, utopischen Zivilisation. Es war eine „Lebensweise“. Wilbur J. Cash, amerikanischer Journalist, definierte die Südstaatler als Menschen, die eine Zuneigung zu falschen Werten hätten, wie Gewalt, dass sie von Fiktion fasziniert wären, und dass in ihnen die Tendenz innewohne, Grausamkeiten wie die Sklaverei irrational zu rechtfertigen und ihnen eine Legitimation zuzuschreiben [4]. Mit der Niederlage des Krieges fand dies jedoch immer noch nicht sein Ende. Im Gegenteil: die Südstaatler waren tief davon überzeugt, dass diejenigen den endgültigen Sieg erlangen würden, die das Spiel des Schreibens gewinnen, also den Kampf um die Geschichte. Schon kurz nach dem Bürgerkrieg begannen sie die Geschichte umzuschreiben und eine falsch konstruierte Wahrheit hervorzubringen und zu vermitteln. Es bildete sich die Bewegung „Lost Cause“, die von Historikern und Politikern, also von Intellektuellen, herbeigeführt und getragen wurde. Die Hauptlehren des „Lost Cause“ besagen:
Der Kampf der Südstaatler war heroisch
Versklavte Menschen waren glücklich
Sklaverei war nicht der Ursprung des Bürgerkrieges

"The Lost Cause" von Henry Mosler (1869)
Einen wichtigen Beitrag zum Bestehen des „Lost Cause“ haben die „The United Daughters of the Confederacy“ geleistet – ein im Jahr1894 in Nashville gegründeter Verband von Frauen, die von elitären Vorkriegsfamilien stammten und die Kultur des alten Südens wahren wollten. Dies taten sie, indem sie ihre soziale und politische Macht ausübten und Denkmäler von alten Südstaaten Generälen und Soldaten bauen ließen, um ihre Kämpfe zu ehren. Wichtig war ihnen vor allem ihre Sichtweise des Krieges an jüngere Generationen weiterzugeben - besonders zu der Zeit als die Kriegsveteranen um die Jahrhundertwende starben.
Ein sehr wirksames Instrument waren hierbei Textbücher, die in Schulen gelesen wurden. Mildred Rutherford, eine Pädagogin, Rednerin und Historikerin, verfasste ein Pamphlet namens „A Measuring Rod for Text-Books“, welches eine Art Richtlinie darstellte, an welche sich Schulbücher in den Südstaaten halten mussten. Richtlinien dieses Buches besagten beispielsweise, dass von keinen Schulbüchern gelehrt werden dürfte, die nicht deutlich vermittelten, dass dem Süden Ungerechtigkeit widerfahren sei oder dass Sklavenhalter gesittet mit ihren Sklaven umgegangen seien. Schulbücher dieser Art existierten bis in die 1970er Jahre im Bildungswesen.
Zudem gründeten sie den Verein „Children of the Confederacy“, wo Kinder nach dem Schulunterricht patriotische Südstaaten Lieder wie „Dixie“ sangen und auf Veteranen trafen [5].

"The United Daughters of the Confederacy" um 1910

Denkmal, um den Südstaaten Präsidenten Jefferson Davis (1861-1865) zu ehren. Dieses wurde im vergangenem Jahr während der Black Lives Matter Bewegung beschmutzt.
Eine historisch und politisch bedeutende Schlüsselfigur der amerikanischen Geschichte sorgte 1915 durch seinen enormen Einfluss auf die Bevölkerung für das Fortbestehen dieses Mythos. Dieser jemand war kein geringerer als der 28. Präsident der USA – Woodrow Wilson. Da er nicht nur Politikwissenschaft, sondern auch Geschichte studiert hatte, wurden seinen Kenntnissen und Ansichten auf diesem Gebiet fälschlicherweise eine hohe Glaubwürdigkeit zugeschrieben. Der Ku-Klux-Klan, eine gewalttätige und rassistische Organisation, die nach dem Bürgerkrieg entstand und verantwortlich für zahlreiche Lynchmorde und Übergriffe an Afroamerikaner war, erhielt von dem Präsidenten öffentliche Wertschätzung, da sie den Süden vor angeblicher sklavischer Auflehnung gegenüber Weißen geschützt hätte. Zudem verfasste sein Freund Thomas Dixon Jr. ein Buch, welches später von D. W. Griffith verfilmt wurde und den Namen „Die Geburt einer Nation“ trägt. Dieser 1915 erschienene Film wurde als ein Meisterwerk seiner Zeit hochgepriesen und hatte einen erheblichen kulturellen Einfluss auf das gesamte Volk. Dies lag nicht zuletzt daran, dass Wilson den Film gar im Weißen Haus vorführen ließ mit einer anschließenden, pompösen Feier. Der Film handelte im Kern vom „Lost Cause“ und porträtierte Anhänger des Ku-Klux-Klans als Helden, wohingegen Afroamerikaner in die Täterrolle gedrängt wurden. So wird beispielsweise eine Szene gezeigt, wo eine schöne, unschuldige Südstaatlerin von einem farbigen Mann bedrängt und belästigt wird und sie sich deshalb von einer Klippe stürzt. Am Ende rächt sich der Klan an dem farbigen Mann. Afroamerikanische Charaktere wurden, so wie es zur Zeit des 18. und 19. Jahrhunderts üblich war, von weißen Menschen gespielt, die sich schwarze Farbe ins Gesicht malten – auch „Blackfacing“ genannt. Hierbei wurde sich an bestimmte Stereotypen bedient. Sklaven wurden naiv, dümmlich oder als singende Frohnaturen dargestellt. Durch den Film und durch den Präsidenten erhielt der Ku-Klux-Klan wieder an deutlich mehr Aufmerksamkeit und insbesondere an viel Verehrung, die diesmal von der Ostküste bis zur Westküste reichte [6].

Filmplakat von "Die Geburt einer Nation"
Ein weiterer Film, der zur Glorifizierung des alten Südens beigetragen hat, war „Vom Winde verweht“. Dieser erschien 1939 und basierte auf dem Roman von Margaret Mitchell. Er handelt von der impulsiven Südstaatenschönheit Scarlett O´Hara (Vivien Leigh), die aufgrund des Bürgerkrieges dabei zusehen muss wie ihr privilegiertes, unbeschwertes Leben auf der Baumwollplantage ihres Vaters langsam zu Staub verfällt. Nicht zuletzt, weil ihre große Liebe „ehrenvoll“ für die Werte seiner Heimat, also das Fortbestehen der Sklaverei, in den Krieg zieht. Trotz dessen, dass der Film während einer der prägendsten Zeiten der amerikanischen Geschichte spielt, stellt er fast ausschließlich Scarletts tragisches Liebesleben in den Vordergrund, setzt sich lieber mit ihrer Launenhaftigkeit und ignoranten Sentimentalität auseinander als mit wirklich wichtigen politischen Thematiken. Als wäre das nicht genug, stellt er historische Begebenheiten fälschlich dar, indem er das Leben auf der Plantage und die Beziehung zwischen Sklavenhaltern und Sklaven als friedlich und harmonisch repräsentiert. Der Film zeichnet das Leben auf der Plantage als ein märchenhaftes, kultiviertes Idyll, das an ein Schlossleben erinnert, wo die Prinzessin Scarlett lebt und thront, bis durch die „bösen“ Nordstaatler alles zusammenzubrechen droht. Tragischerweise erhielt Hattie McDaniel 1940 für ihre Rolle als loyale Sklavin Mammy den Oscar als erste farbige Frau der Geschichte. Der Film zählt bis heute zu den größten Hollywood Klassikern und als erfolgreichster Film im Allgemeinen. Problematisch ist, dass er bis heute unkommentiert bleibt, das heißt, dass er noch immer ohne erforderliche Kontextualisierung produziert und gezeigt wird, sodass die utopische, idealisierte Sichtweise des Südens weiterhin existent bleibt [7].

"Vom Winde verweht" (1939)

Vivien Leigh als Scarlett O'Hara und Hattie McDaniel als Mammy
Der „Lost Cause“ ist deshalb so gefährlich, weil er als Argument, als Legitimation genutzt wurde, um rassistische Machtstrukturen systematisch beizubehalten und das bis in die heutige Zeit. Die wertvollste Errungenschaft des amerikanischen Bürgerkrieges war der 13. Zusatzartikel der Verfassung, der durch Abraham Lincoln herbeigeführt wurde und der gesetzlich untersagt, Menschen zu versklaven. Der „Lost Cause“ sorgte dafür dies zu umgehen. Nach dem Bürgerkrieg wurden die „Jim-Crow-Gesetze“ verabschiedet, die für die Rassentrennung sorgten, welche bis zu den „Civil Rights Acts“ 1964 beibehalten wurden. Am 14. Juli 2015 hielt der damalige Präsident Barack Obama eine Rede beim „NAACP's 106th national convention“ und führte auf, warum das Strafjustizsystem reformiert werden müsste.
„Die Vereinigten Staaten von Amerika beheimaten 5% der gesamten Weltbevölkerung, aber auch 25% der Strafgefangenen weltweit." Farbige Menschen wurden bereits nach dem Bürgerkrieg kriminalisiert und kamen aufgrund geringfügiger Straftaten wie Herumlungern oder Landstreicherei jahrelang ins Gefängnis. Das Ausmaß der Strafgefangenen nahm mit den Jahrzehnten stets weiter zu, doch insbesondere in den 1970er Jahren, aufgrund der von Richard Nixon eingeführten „Law and Order“ - durch welche das Eingreifen der Polizei im Volk verschärft wurde. Es war eine Gegenreaktion auf die zahlreichen, gerechtfertigten Bewegungen, die in den 60er Jahren unter anderem aufgrund des Vietnam Krieges, entsprungen sind. Die Bürgerrechtsbewegung – angeführt von Martin Luther King - die Antikriegsbewegung, oder die Frauenbewegung. Viele junge Menschen begaben sich nicht nur auf eine politische Sinnsuche, sondern auch auf eine spirituelle Reise, um sich selbst zu ergründen. So griffen die sogenannten „Hippies“ nicht selten zu bewusstseinserweiternden Drogen wie LSD oder Marihuana. Dieser Drogenmissbrauch wurde allerdings viel strenger auf farbige Menschen projiziert als auf Weiße. Bis heute schlägt das Wellen – Afroamerikaner erhalten viel längere Haftstrafen für den Besitz oder Missbrauch von Drogen. So erkennt man rückwirkend, dass immer wieder systematisch Wege gefunden wurden, um die Ausgrenzung und den Rassismus weiterhin im Land aufrechtzuerhalten. Man könnte sogar sagen die Sklaverei wurde in einer wenn auch abgeminderten Form beibehalten, modernisiert, oder auch legalisiert. Gerade deshalb ist es wichtig gegen giftige Mythen der Täter anzugehen und sie zu eliminieren, was nur durch Aufklärungsarbeit erfolgen kann. Genauso wichtig ist es jedoch diese veralteten Strukturen, die auch in der Politik verwoben sind, aufzuzeigen und zu zerstören [8].
Quellen:
[1] Bierling, Stephan: "Das blutigste Gemetzel, das die USA je erlebten.", in: welt.de, 14.02.201, URL: https://www.welt.de/kultur/history/article12488612/Das-blutigste-Gemetzel-das-die-USA-je-erlebten.html, Abruf am: 12.04.2021
[2] Nagler, Jörg: "Von den Kolonien zur geeinten Nation.", in: bpb.de, 20.03.2014 URL: https://www.bpb.de/izpb/181023/von-den-kolonien-zur-geeinten-nation, Abruf am 12.04.2021
[3] McPherson, James. (2011): "Für die Freiheit sterben." Anaconda Verlag GmbH, Köln. S.10-19.
[4] Yale Courses: "3. Southern World View: The Old South and Proslavery Ideology.", in: Youtube.com, 21.11.2008, URL: https://www.youtube.com/watch?v=yRfByLRO5xs&t=4s
[5] Vox: "How Southern socialites rewrote Civil War history.", in: Youtube.com, 25.10.2017, URL: https://www.youtube.com/watch?v=dOkFXPblLpU
[6] TheCynicalHistorian: "Understanding the Lost Cause Myth." , in: YouTube.com,16.04.2020, URL: https://www.youtube.com/watch?v=5EOhXF5lNgQ
[7] Dommann, Monika: "Alle verdienen am geschönten Bild der Sklaverei mit.", in srf.de, 14.06.2020 URL: https://www.srf.ch/news/panorama/kritik-an-vom-winde-verweht-alle-verdienen-am-geschoenten-bild-der-sklaverei-mit
[8] DuVernay, Eva; Averick, Spencer; et al. (Produzenten), & DuVernay, Ava (Regisseurin): "13th.", 2016, United States: Kandoo Films
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