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Josies Werke

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Das Problem mit propagierter Selbstfindung

Das Problem mit propagierter Selbstfindung

Unsere Gesellschaft ist nicht länger in zwei geteilt – es gibt nicht nur noch die glattgebügelte, Gesetzestreue eine oder die rebellische, exzentrische andere Seite, die anstößig ist und neue Pfade gen Fortschritt weist. In den 60ern gab es die restlichen, doch dennoch in Mehrheit vertretenen menschlichen Relikte aus den 50ern, die noch immer ihre Jazz Platten auflegten, ihre christlichen Tugenden verteidigten, und die man in Deutschland als treue CDU-Wähler wertete und in den USA als feurige Republikaner. Auf der anderen Seite gab es die Hippies mit ihren obszönen, langen Haaren, ihren aufgebrochenen Rollenbildern, ihren überdurchschnittlichem Marihuana Konsum und ihrem revolutionären und links-politischen Rock n' Roll. In den 80ern gab es als reaktionäre Gegenwehr der gesellschaftlichen Mitte die Punks – die anarchistischen, friedensliebenden Schreier, die sich von den immer noch vorhandenen, gutbürgerlichen englischen Sitten angegriffen fühlten. Heute gibt es mehr. Heute gibt es unzählige Milieugruppen und eine scheinbare Freiheit deiner eigenen, individuellen Charakterentwicklung. Besonders von Seiten der Popkultur wurde ich bereits als Kind geprägt. Und das nicht nur von Märchen, Spongebob, oder Heidi, sondern besonders von VIVA, MTV, oder Klatschzeitschriften, die Mama aufgeschlagen auf dem Sofatisch vergessen hatte. Ziemlich banal eigentlich. Ich sah Michael Jackson in Musikvideos, wie er im weißen Anzug, im blauen Scheinwerferlicht in einer Mafiosen Bar den Moonwalk tanzte und in eine anschließende Schießerei verwickelt wurde. Ich sah wie Amy Winehouse im Blitzlichtgewitter, erschreckend dünn, mit verschmierter Wimperntusche torkelnd und fluchend von Paparazzi verfolgt wurde, oder wie Britney sich als Akt der Selbstzerstörung in einem unbekannten Friseurladen ihre braunen Haare abrasierte. Ich sah Pamela Anderson im roten Badeanzug die kalifornische Küste entlanglaufen. Ich sah Jared Leto mit pinkem Irokesenschnitt auf der Bühne stehen und dann in ein Publikum aus tausenden Menschen springen. Mit neunzehn war ich noch davon überzeugt, dass mein Moodboard auf Pinterest sich wie von Zauberhand in Wirklichkeit verwandeln könnte, dass mein visionäres Ich sich bewahrheiten würde, indem ich die tolle, ausgefallene Schlaghose von Person X kaufen, oder mich nach der Workoutroutine von Person Y richten würde. Ich schaute Lifestyle Blogger, die sich zum Frühstück einen aufwendigen Porridge mit zahlreichen Früchten zubereiteten, jeden Tag mindestens fünfzig Buchseiten lasen und Meditation als ihr Wundermittel für seelische Ausgeglichenheit repräsentierten. Mit ausgefallenem Kleiderschrank und dem perfekten Haarschnitt mit teurer Blondierung. Sie waren die besonderen Individualisten, so schien es von außerhalb, bis man erkannte, dass es sie in Überzahl gab. Sie versinnbildlichten Erfolg in unserer unberechenbaren, kapitalistischen Gesellschaft und zeigten uns, dass sie im Stande waren mit ihren im Alltag integrierten Gewohnheiten, ihrem strukturierten Tagesablauf, sich selbst zu kreieren. Und welches Gut könnte in den westlichen, privilegierten Hemisphären größer sein, als die Freiheit sein zu wollen, wer man ist, oder werden möchte? Früher waren nur wenige, auserwählte Menschen berühmt durch ihr außerordentliches Talent, oder durch ihre außerordentliche Schönheit. Und heute scheinen wir es alle auf eine Art zu sein, weil wir im Stande sind ein Image zu kreieren, ohne Presse, die uns degradiert; denn das Image können wir selbst regulieren. Social Media ist unsere Bühne und wir sind die Akteure. Es ist ein natürliches Verlangen der Menschen sich zu finden und sich auszudrücken, doch die Obsession, die sich diesbezüglich die letzten Jahre herausgebildet hat, ist mehr besorgniserregend als fördernd. Die Frage scheint nicht mehr zu lauten wer bin ich, sondern welches Ich ist schöner, spannender, Stilbewusster, erfolgreicher? Wir suchen außerhalb, adaptieren Einflüsse anstatt in uns zu suchen und realisieren nicht, wie wir bei unserem Verlangen wissen zu wollen wer wir sind, in Wahrheit immer weiter von uns davonlaufen, weil wir die falschen Mittel nutzen. Wir wundern uns, warum wir eine Ich-Unzulänglichkeit entwickeln. Warum wir vegan essen, regelmäßig Sport machen und trotz zahlreicher Urban Outfitters Bestellungen immer noch unglücklich sind. Wir entnehmen unserer Persönlichkeit Tiefe und Vielfalt, indem wir unsere Widersprüche eliminieren. Wir hören auf Fleisch zu essen, nicht aufgrund von ethischer Überzeugung, sondern weil wir dadurch fortschrittlich wirken wollen. Wir verirren uns in Spiritualität, Manifestationen und Horoskopen, weil wir die Kontrolle zurückgewinnen wollen, die wir schon längst verloren haben. Dass dieses Phänomen besonders in westlichen Kulturen aufkommt, wundert mich allerdings nicht. Denn wir werden tagtäglich von zahlreichen Bildern erschlagen, die in unserem Bewusstsein eine nicht enden wollende, bunte, Dauerwerbesendung auslösen. Wir werden den unterschiedlichsten Maßstäben gegenübergestellt. Millionen Ressourcen und Interessensgebiete, die uns das Internet bereitstellt und die wir nutzen können, oder auch eben nicht. Ich habe lange gebraucht um zu verstehen, dass der intrinsische Drang mein Ich definieren zu können, nicht von mir selbst ausgelöst wurde, sondern viel eher ein Begleitsymptom darstellt, wenn man Mitglied einer kapitalistischen Gesellschaft ist, die von deinem scheinbar hinfälligen Selbstbild profitiert. Ein weiterer interessanter Gedanke, der mich nicht loslässt ist, dass die Ursache dieses Problems womöglich Folge unserer zerfallenden Kulturen sein könnte. Dieser Zerfall, das Verlorengehen von Werten, die Jahrhunderte lang unser Leben fundiert haben, und uns ein Kompass waren, bewirkt nicht nur eine Orientierungslosigkeit, sondern gar eine grundlegende nihilistische Haltung, die seit der Industrialisierung zu beobachten ist. Martin Luther King, afroamerikanischer Bürgerrechtler und Pastor in den 50er und 60er Jahren, der als junger Mann an seinen Glauben zu Zweifeln begann, betrachtete die Zugehörigkeit einer Religion, aus Sichtweise der Vernunft, schlussendlich für notwendig. Denn King's Ansicht nach wäre man ohne die Überzeugung an einen existierenden Gott, andernfalls dazu gezwungen an ein materialistisches Weltbild zu glauben. Und ich denke, dass auch ein Atheist diesen Gedankengang unterschreiben kann. Wir glauben nicht an einen Gott, aber woran glauben wir dann, wenn wir das Wort Glauben sinngemäß ohne religiösen Kontext verstehen? Glauben wir nicht, kann nicht nur all unser Handeln als nichtig und zwecklos gewertet werden, sondern auch das Tierreich, das Existieren einer Welt und eines Universums in all seiner atemberaubenden Vielfältigkeit. Wir müssen uns also, wenn wir nicht suizidgefährdet sein wollen, der Religion des Egozentrikers verschreiben. Dem Mittelpunkt (lt. centrum) des Ichs (lt. ego), das versucht ist den Kosmos durch das Instrument der Wissenschaft zu begreifen mit der Gewissheit und Akzeptanz, immer an dem Erlangen einer endgültigen Antwort zu Scheitern. Die Selbstfindung ist also in gewisser Weise mit der Frage des Sinns verbunden. Ein Sinn, der uns seit der frühsten Menschheitsgeschichte durch Religionen, oder durch familiäre Werte, kulturelle Zugehörigkeit, die durch die Globalisierung immer weiter verschwimmt, gegeben wurde. Die Frage der Richtigkeit steht hierbei nicht zur Debatte, doch Fakt ist, dass die Menschen in den westlichen, internationalisierten Demokratien, genau aus diesem Grund ihren Sinn im Leben als das Finden des Ichs betrachten. Das Verlangen eine allgegenwärtige Antwort zu erlangen ist der fatale Fehlschlag der menschlichen Eitelkeit und schlechthin nicht möglich. Wer dennoch um eine Antwort bemüht ist, wird dem Wirtschaftsmarkt im besten Falle Geld beisteuern, der dieses Verhängnis des Menschseins missbraucht und für eigene Zwecke kommodifiziert. Wir werden uns selbst nie erreichen, greifen, begreifen und das ist auch okay so.

Januar 2022

Unsere Gesellschaft ist nicht länger in zwei geteilt – es gibt nicht nur noch die glattgebügelte, Gesetzestreue eine oder die rebellische, exzentrische andere Seite, die anstößig ist und neue Pfade gen Fortschritt weist. In den 60ern gab es die restlichen, doch dennoch in Mehrheit vertretenen menschlichen Relikte aus den 50ern, die noch immer ihre Jazz Platten auflegten, ihre christlichen Tugenden verteidigten, und die man in Deutschland als treue CDU-Wähler wertete und in den USA als feurige Republikaner. Auf der anderen Seite gab es die Hippies mit ihren obszönen, langen Haaren, ihren aufgebrochenen Rollenbildern, ihren überdurchschnittlichem Marihuana Konsum und ihrem revolutionären und links-politischen Rock n' Roll. In den 80ern gab es als reaktionäre Gegenwehr der gesellschaftlichen Mitte die Punks – die anarchistischen, friedensliebenden Schreier, die sich von den immer noch vorhandenen, gutbürgerlichen englischen Sitten angegriffen fühlten. Heute gibt es mehr. Heute gibt es unzählige Milieugruppen und eine scheinbare Freiheit deiner eigenen, individuellen Charakterentwicklung. Besonders von Seiten der Popkultur wurde ich bereits als Kind geprägt. Und das nicht nur von Märchen, Spongebob, oder Heidi, sondern besonders von VIVA, MTV, oder Klatschzeitschriften, die Mama aufgeschlagen auf dem Sofatisch vergessen hatte. Ziemlich banal eigentlich. Ich sah Michael Jackson in Musikvideos, wie er im weißen Anzug, im blauen Scheinwerferlicht in einer Mafiosen Bar den Moonwalk tanzte und in eine anschließende Schießerei verwickelt wurde. Ich sah wie Amy Winehouse im Blitzlichtgewitter, erschreckend dünn, mit verschmierter Wimperntusche torkelnd und fluchend von Paparazzi verfolgt wurde, oder wie Britney sich als Akt der Selbstzerstörung in einem unbekannten Friseurladen ihre braunen Haare abrasierte. Ich sah Pamela Anderson im roten Badeanzug die kalifornische Küste entlanglaufen. Ich sah Jared Leto mit pinkem Irokesenschnitt auf der Bühne stehen und dann in ein Publikum aus tausenden Menschen springen. Mit neunzehn war ich noch davon überzeugt, dass mein Moodboard auf Pinterest sich wie von Zauberhand in Wirklichkeit verwandeln könnte, dass mein visionäres Ich sich bewahrheiten würde, indem ich die tolle, ausgefallene Schlaghose von Person X kaufen, oder mich nach der Workoutroutine von Person Y richten würde. Ich schaute Lifestyle Blogger, die sich zum Frühstück einen aufwendigen Porridge mit zahlreichen Früchten zubereiteten, jeden Tag mindestens fünfzig Buchseiten lasen und Meditation als ihr Wundermittel für seelische Ausgeglichenheit repräsentierten. Mit ausgefallenem Kleiderschrank und dem perfekten Haarschnitt mit teurer Blondierung. Sie waren die besonderen Individualisten, so schien es von außerhalb, bis man erkannte, dass es sie in Überzahl gab. Sie versinnbildlichten Erfolg in unserer unberechenbaren, kapitalistischen Gesellschaft und zeigten uns, dass sie im Stande waren mit ihren im Alltag integrierten Gewohnheiten, ihrem strukturierten Tagesablauf, sich selbst zu kreieren. Und welches Gut könnte in den westlichen, privilegierten Hemisphären größer sein, als die Freiheit sein zu wollen, wer man ist, oder werden möchte? Früher waren nur wenige, auserwählte Menschen berühmt durch ihr außerordentliches Talent, oder durch ihre außerordentliche Schönheit. Und heute scheinen wir es alle auf eine Art zu sein, weil wir im Stande sind ein Image zu kreieren, ohne Presse, die uns degradiert; denn das Image können wir selbst regulieren. Social Media ist unsere Bühne und wir sind die Akteure. Es ist ein natürliches Verlangen der Menschen sich zu finden und sich auszudrücken, doch die Obsession, die sich diesbezüglich die letzten Jahre herausgebildet hat, ist mehr besorgniserregend als fördernd. Die Frage scheint nicht mehr zu lauten wer bin ich, sondern welches Ich ist schöner, spannender, Stilbewusster, erfolgreicher? Wir suchen außerhalb, adaptieren Einflüsse anstatt in uns zu suchen und realisieren nicht, wie wir bei unserem Verlangen wissen zu wollen wer wir sind, in Wahrheit immer weiter von uns davonlaufen, weil wir die falschen Mittel nutzen. Wir wundern uns, warum wir eine Ich-Unzulänglichkeit entwickeln. Warum wir vegan essen, regelmäßig Sport machen und trotz zahlreicher Urban Outfitters Bestellungen immer noch unglücklich sind. Wir entnehmen unserer Persönlichkeit Tiefe und Vielfalt, indem wir unsere Widersprüche eliminieren. Wir hören auf Fleisch zu essen, nicht aufgrund von ethischer Überzeugung, sondern weil wir dadurch fortschrittlich wirken wollen. Wir verirren uns in Spiritualität, Manifestationen und Horoskopen, weil wir die Kontrolle zurückgewinnen wollen, die wir schon längst verloren haben. Dass dieses Phänomen besonders in westlichen Kulturen aufkommt, wundert mich allerdings nicht. Denn wir werden tagtäglich von zahlreichen Bildern erschlagen, die in unserem Bewusstsein eine nicht enden wollende, bunte, Dauerwerbesendung auslösen. Wir werden den unterschiedlichsten Maßstäben gegenübergestellt. Millionen Ressourcen und Interessensgebiete, die uns das Internet bereitstellt und die wir nutzen können, oder auch eben nicht. Ich habe lange gebraucht um zu verstehen, dass der intrinsische Drang mein Ich definieren zu können, nicht von mir selbst ausgelöst wurde, sondern viel eher ein Begleitsymptom darstellt, wenn man Mitglied einer kapitalistischen Gesellschaft ist, die von deinem scheinbar hinfälligen Selbstbild profitiert. Ein weiterer interessanter Gedanke, der mich nicht loslässt ist, dass die Ursache dieses Problems womöglich Folge unserer zerfallenden Kulturen sein könnte. Dieser Zerfall, das Verlorengehen von Werten, die Jahrhunderte lang unser Leben fundiert haben, und uns ein Kompass waren, bewirkt nicht nur eine Orientierungslosigkeit, sondern gar eine grundlegende nihilistische Haltung, die seit der Industrialisierung zu beobachten ist. Martin Luther King, afroamerikanischer Bürgerrechtler und Pastor in den 50er und 60er Jahren, der als junger Mann an seinen Glauben zu Zweifeln begann, betrachtete die Zugehörigkeit einer Religion, aus Sichtweise der Vernunft, schlussendlich für notwendig. Denn King's Ansicht nach wäre man ohne die Überzeugung an einen existierenden Gott, andernfalls dazu gezwungen an ein materialistisches Weltbild zu glauben. Und ich denke, dass auch ein Atheist diesen Gedankengang unterschreiben kann. Wir glauben nicht an einen Gott, aber woran glauben wir dann, wenn wir das Wort Glauben sinngemäß ohne religiösen Kontext verstehen? Glauben wir nicht, kann nicht nur all unser Handeln als nichtig und zwecklos gewertet werden, sondern auch das Tierreich, das Existieren einer Welt und eines Universums in all seiner atemberaubenden Vielfältigkeit. Wir müssen uns also, wenn wir nicht suizidgefährdet sein wollen, der Religion des Egozentrikers verschreiben. Dem Mittelpunkt (lt. centrum) des Ichs (lt. ego), das versucht ist den Kosmos durch das Instrument der Wissenschaft zu begreifen mit der Gewissheit und Akzeptanz, immer an dem Erlangen einer endgültigen Antwort zu Scheitern. Die Selbstfindung ist also in gewisser Weise mit der Frage des Sinns verbunden. Ein Sinn, der uns seit der frühsten Menschheitsgeschichte durch Religionen, oder durch familiäre Werte, kulturelle Zugehörigkeit, die durch die Globalisierung immer weiter verschwimmt, gegeben wurde. Die Frage der Richtigkeit steht hierbei nicht zur Debatte, doch Fakt ist, dass die Menschen in den westlichen, internationalisierten Demokratien, genau aus diesem Grund ihren Sinn im Leben als das Finden des Ichs betrachten. Das Verlangen eine allgegenwärtige Antwort zu erlangen ist der fatale Fehlschlag der menschlichen Eitelkeit und schlechthin nicht möglich. Wer dennoch um eine Antwort bemüht ist, wird dem Wirtschaftsmarkt im besten Falle Geld beisteuern, der dieses Verhängnis des Menschseins missbraucht und für eigene Zwecke kommodifiziert. Wir werden uns selbst nie erreichen, greifen, begreifen und das ist auch okay so.

Januar 2022

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