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Josies Werke
Josies Werke
Blaue Berge
Blaue Berge

Wie fast alle Kinder hatte ich mir die Welt früher schwarz weiß vorgestellt wenn mir meine Großmutter alte Fotos zeigte. Diese Fotos waren wie mystifizierte Relikte aus einer vergangen Zeit, romantische Geschichten, denen ich wohl nie das Wasser reichen könnte. Unaufhörlich verglich ich mein Leben mit dem Ihrigen, nicht nur weil ich etwas von mir in ihr suchte, sondern auch weil ich dachte der Wert meiner Geschichten würde im Vergleich zu ihren immer an Wert verlieren und kläglich versagen, trotz der strahlenden Visionen für meine Zukunft und den erblühenden Träumen, die mich in der Nacht fiebrig jagten. Das lag nicht zuletzt daran, dass ich die 1950er Jahre unaufhörlich zu einer Blütezeit voller Unschuld, Magie und Romantik verklärte, ebenso wie Jackie Kennedy die Zeit als ihr Ehemann präsidierte, als Camelot bezeichnete. „Und vergiss nicht, dass es für einen kurzen strahlenden Augenblick ein Camelot gab“. Ironischerweise beneidete ich sie als Feministin gerade zu darum in einer Zeit gelebt zu haben, wo Frauen weniger Rechte hatten und die Rechnung für mein ersehntes Ideal der Freiheit nie aufgegangen wäre. Doch ich liebe Märchen und ich denke die Umstände meiner Zeit sind gewiss nicht märchenhaft. Sie sind zutiefst unromantisch. Es war eine Zeit, wo Männer stets elegante Anzüge und Hüte trugen und jeden auf der Straße begrüßten. Eine Zeit, wo die Menschen nach dem Krieg für alles Dankbarkeit empfanden. Wo sie Naturverbunden waren und ihre Seelen dadurch befriedet und rein. Die liebsten Geschichten, die mir mein Vater aus seiner Kindheit erzählte (er wurde 1958 geboren) waren die über die Geburtstage und Abendgesellschaften, die bei ihm zu Hause gefeiert wurden. Bis zu 20 Leute kamen dann zu Besuch und bis heute frage ich mich, wie alle in dieses kleine Wohnzimmer hineingepasst haben sollen. Der Tisch wurde dann üppig gedeckt mit Wurstplatten und Schnapps. Die Männer rauchten Zigarren bis ein Schleier aus Rauch den Raum erfüllte, lautes Gelächter und Neckereien, oder Geschichten über den Krieg wurden erzählt. Die Wohnung meiner Großeltern war sehr klein. Mein Vater musste sich ein Zimmer mit seinem 8 Jahre älteren Bruder teilen, das gerade einmal 12 Quadratmeter umfasste und wo Papa und ich bei späteren Besuchen auch immer geschlafen hatten. Meine Großmutter lebte bis 2015 dort, ehe sie ins Altenheim musste. Bis zum Schluss wurde die Wohnung nicht renoviert und geheizt wurde noch immer über einen Gasofen, der im Wohnzimmer stand. In allen anderen Zimmern waren in den Winternächten Temperaturen von 3 bis 0 Grad Celsius. Ich erinnere mich gerne an einen Morgen zurück, wo ich unter einer dicken Daunendecke aufwachte und meinen eigenen Atem sehen konnte - die Fenster waren beschlagen. Solche Kleinigkeiten schienen mich an ihrer Geschichte teilhaben zu lassen. So auch das Wandern auf den blauen Bergen, die sich erhaben den Himmel hinauf türmten und die Kleinstadt umrahmten. Sagenumwobene Wälder, klangvolle Bäche, Burgruinen und die alten Mythen der Hexen auf dem Brocken. Wenn wir im Frühjahr während der Hexennacht da waren, bildete ich mir nachts ein, als blaues Mondlicht in das kleine Zimmer fiel, ihr Gelächter hören zu können, das bis in den Ort schallte, während sie um die lodernde Feuerstelle tanzten.
Anneliese c.a 1925
Anneliese Herrmann wurde am 10. Oktober 1922 geboren und kam unehelich zur Welt. Ihre Mutter zog als junge Frau nach Hamburg und arbeitete als Hausmädchen bei wohlhabenden, zumeist jüdischen Familien. Sie war eine starke Frau, die trotz ihrer vorehelichen, skandalösen Schwangerschaft hin und hergerissen, sich 3 Jahre Zeit lassen sollte, bis sie sich um ihre Liebe um einen der beiden Männer wirklich bewusst wurde. So entschied sie sich letzten Endes für Alfred Büchner, doch bis heute ist unklar, wer der leibliche Vater meiner Oma gewesen ist. Was von dem anderen namenlosen Mann bleibt, sind zwei vergilbte Fotos, die meine Oma mit 5 Jahren, ihrer Mutter und ebendiesem Mann in Hamburg zeigen. In Hagenbecks Tierpark und auf der Kennedy Brücke. Auf der Rückseite niedergeschrieben : Er - mit 24 Jahren, 1927, beerdigt am 9. Dezember.
Anneliese mit c.a 18 Jahren
Hat er sich umgebracht weil die Liebe meiner Ur-Großmutter nicht mehr ihm galt, oder war er unheilbar krank? Wer war dieser Mann? War er jüdisch? Habe ich jüdische Vorfahren? Rührt das geringe Selbstbewusstsein und die Verschwiegenheit meiner Oma daher, dass sie nicht mit ihrem leiblichen Vater aufgewachsen ist und stets das Gefühl hatte im Schatten ihrer Schwester zu stehen? Fragen, die das Mysterium meiner Oma noch immer umweben. Schon als ich klein war, spürte ich die erschreckende Unzulänglichkeit, die sie ausstrahlte. Ich konnte ihr nie richtig nahe sein, nicht durch Zärtlichkeit, nur durch ihre Geschichten aus der Vergangenheit von der sie auch nicht alles preisgeben wollte, und später nicht mehr konnte. So erzählte sie niemandem, dass ihr Vater Alfred Büchner in der NS-Zeit in einem sozialdemokratischen, kommunistischen Verband tätig war. Bevor er in den Krieg eingezogen wurde, aus dem er nie wieder Heim kehrte, musste er für zwei Jahre in mehrere Arbeitslager, als meine Oma ein junges Mädchen war. Die liebste Geschichte, die sie jedoch erzählte, handelte nicht von ihr selbst oder ihrer Familie, sondern von dem Bruder ihres Schwiegervaters. Sie war von so viel Stolz erfüllt wenn sie davon sprach, dass er einen dreifachen Doktortitel in der Psychologie, Pharmazie und Philosophie hatte und er eines Tages mit seiner Frau, einer gutbürgerlichen Dame aus Wien, zu Besuch nach Lauterberg kam und ihr ein echtes Goldarmband schenkte. Je älter sie wurde, desto öfter erzählte sie davon. Über meinen Opa, der 1987 starb, und ich ihn somit nie kennenlernen konnte, sprach sie fast nie. Und so versuchte ich mir selbst ein Bild zu machen, ihn in meiner Fantasie zu konstruieren durch Fotos und Geschichten anderer. Doch 2018 erhielt ich das wohl wertvollste Geschenk, das mir je überreicht wurde - die alten Liebesbriefe, die mein Opa während des Krieges als junger Soldat an meine Oma geschrieben hatte. Sie lernten sich über einen Briefaustausch kennen und lieben. “Ich kann einfach unseren Augenblick nicht mehr erwarten. Ich wollte mir ja wirklich alles bis dahin aufheben, aber jetzt kann ich einfach nicht mehr länger warten und ich muss es dir schon gestehen, dass ich dich sehr liebe. Schon von dem Augenblick an liebte, wo ich dein kleines Foto erhielt.”
Anneliese und Alois bei ihrer Hochzeit
Er kam aus Mikulov, einer Kleinstadt in Tschechischen, wo seine Eltern Besitzer mehrerer Weinberge waren, die ihnen nach dem Ende des zweiten Weltkrieges entrissen wurden. Als mir meine Oma die Briefe überreichte, sagte sie: „Ich habe sie immer aufbewahrt, damit ich sie irgendwann weitergeben kann.“ Sie sagte es so als wäre dies der einzige Nutzen gewesen, so als würde hinter den Briefen für sie kein emotionaler Wert stehen. Es schien ihr immer wichtig ein Vermächtnis zu hinterlassen, aber dennoch schwieg sie über viele Erinnerungen. Was bleibt ist ein rätselhaftes Vermächtnis. So rätselhaft, unnahbar wie der Kontext ihres Lebens. Der Schauplatz - ihre Heimat. Für mich gleicht dieser Ort eher einem Traum als etwas greifbar Realem. Und vielleicht ist das ein weiterer Grund, den Tod meiner Großmutter nicht verarbeiten zu können, weil dieser Ort mit ihr verbunden ist und die Geschichte und Schönheit dieses Ortes so komplex und gewaltig ist, um ihn gänzlich verstehen zu können. Sie hat nie woanders gelebt - sie ist in diesem Ort geboren und in ihm gestorben, was nicht ungewöhnlich ist für Menschen, die älteren Generationen angehören. Doch bei ihr mag es nicht an Bequemlichkeit gelegen haben, zu diesem Entschluss komme ich immer mehr, sondern weil sie einfach nicht anders konnte. Früher als ich in die Pubertät kam und wie alle anderen dramatischen, sich zu etwas besonderen ernennenden Teenagern, von dem Wanderlust-Fieber gepackt wurde und damit prahlte wie kultiviert und bewandert ich einst sein würde, habe ich meine Oma dafür verurteilt, dass sie nie weggezogen ist. Heute ertappe ich mich oft bei dem Gedanken, wie es wohl gewesen wäre, wenn Papa nicht nach Hamburg gezogen wäre. Wenn er mir von seinem Umzug erzählt, könnten Außenstehende denken, dass er zuvor im Ausland gelebt hätte und einen weiten Weg hinter sich bringen musste, um nach Hamburg zu ziehen. “Wir sind in die Welt gezogen und wollten mehr”, sagt er über das Wegziehen von ihm, seinem Bruder und seinen beiden Cousins. Die Entfernung ließ sich nicht durch die Kilometeranzeige bemessen, denn er verließ eine Märchenwelt irgendwo zwischen den Sternen. Das Wunder, das bleibt, sind seine Erinnerungen, die auf mich abfärbten und suggerierten, das Erwachsenwerden bedeutete nostalgisch zu sein.
Denke ich an meine Oma zurück - sie starb im Sommer 2020 im Alter von 97 Jahren - denke ich an den Wert von Geschichten. Dass ihr Wert nicht in den Ereignissen, die passiert sind liegt, sondern darin, wie wir sie erzählen. Und wie Geschichten dafür da sind, um uns von ihnen formen zu lassen, uns zu gestalten. Ich denke daran, wie meine Oma das nicht tat. Wie sie in ihrer kleinen Wohnung saß mit 50 Jahre alten Möbeln, der Kleidung ihres verstorbenen Mannes im Schrank, sich verkroch und mit den Erinnerungen nichts anzufangen wusste, außer in ihnen einsam zu leben. Ich denke daran, wie sie mir ihre Erinnerungen weitergab. Und ich kläglich versuche daraus einen Sinn zu schaffen.
Juni 2022
Wie fast alle Kinder hatte ich mir die Welt früher schwarz weiß vorgestellt wenn mir meine Großmutter alte Fotos zeigte. Diese Fotos waren wie mystifizierte Relikte aus einer vergangen Zeit, romantische Geschichten, denen ich wohl nie das Wasser reichen könnte. Unaufhörlich verglich ich mein Leben mit dem Ihrigen, nicht nur weil ich etwas von mir in ihr suchte, sondern auch weil ich dachte der Wert meiner Geschichten würde im Vergleich zu ihren immer an Wert verlieren und kläglich versagen, trotz der strahlenden Visionen für meine Zukunft und den erblühenden Träumen, die mich in der Nacht fiebrig jagten. Das lag nicht zuletzt daran, dass ich die 1950er Jahre unaufhörlich zu einer Blütezeit voller Unschuld, Magie und Romantik verklärte, ebenso wie Jackie Kennedy die Zeit als ihr Ehemann präsidierte, als Camelot bezeichnete. „Und vergiss nicht, dass es für einen kurzen strahlenden Augenblick ein Camelot gab“. Ironischerweise beneidete ich sie als Feministin gerade zu darum in einer Zeit gelebt zu haben, wo Frauen weniger Rechte hatten und die Rechnung für mein ersehntes Ideal der Freiheit nie aufgegangen wäre. Doch ich liebe Märchen und ich denke die Umstände meiner Zeit sind gewiss nicht märchenhaft. Sie sind zutiefst unromantisch. Es war eine Zeit, wo Männer stets elegante Anzüge und Hüte trugen und jeden auf der Straße begrüßten. Eine Zeit, wo die Menschen nach dem Krieg für alles Dankbarkeit empfanden. Wo sie Naturverbunden waren und ihre Seelen dadurch befriedet und rein. Die liebsten Geschichten, die mir mein Vater aus seiner Kindheit erzählte (er wurde 1958 geboren) waren die über die Geburtstage und Abendgesellschaften, die bei ihm zu Hause gefeiert wurden. Bis zu 20 Leute kamen dann zu Besuch und bis heute frage ich mich, wie alle in dieses kleine Wohnzimmer hineingepasst haben sollen. Der Tisch wurde dann üppig gedeckt mit Wurstplatten und Schnapps. Die Männer rauchten Zigarren bis ein Schleier aus Rauch den Raum erfüllte, lautes Gelächter und Neckereien, oder Geschichten über den Krieg wurden erzählt. Die Wohnung meiner Großeltern war sehr klein. Mein Vater musste sich ein Zimmer mit seinem 8 Jahre älteren Bruder teilen, das gerade einmal 12 Quadratmeter umfasste und wo Papa und ich bei späteren Besuchen auch immer geschlafen hatten. Meine Großmutter lebte bis 2015 dort, ehe sie ins Altenheim musste. Bis zum Schluss wurde die Wohnung nicht renoviert und geheizt wurde noch immer über einen Gasofen, der im Wohnzimmer stand. In allen anderen Zimmern waren in den Winternächten Temperaturen von 3 bis 0 Grad Celsius. Ich erinnere mich gerne an einen Morgen zurück, wo ich unter einer dicken Daunendecke aufwachte und meinen eigenen Atem sehen konnte - die Fenster waren beschlagen. Solche Kleinigkeiten schienen mich an ihrer Geschichte teilhaben zu lassen. So auch das Wandern auf den blauen Bergen, die sich erhaben den Himmel hinauf türmten und die Kleinstadt umrahmten. Sagenumwobene Wälder, klangvolle Bäche, Burgruinen und die alten Mythen der Hexen auf dem Brocken. Wenn wir im Frühjahr während der Hexennacht da waren, bildete ich mir nachts ein, als blaues Mondlicht in das kleine Zimmer fiel, ihr Gelächter hören zu können, das bis in den Ort schallte, während sie um die lodernde Feuerstelle tanzten.
Anneliese c.a 1925
Anneliese Herrmann wurde am 10. Oktober 1922 geboren und kam unehelich zur Welt. Ihre Mutter zog als junge Frau nach Hamburg und arbeitete als Hausmädchen bei wohlhabenden, zumeist jüdischen Familien. Sie war eine starke Frau, die trotz ihrer vorehelichen, skandalösen Schwangerschaft hin und hergerissen, sich 3 Jahre Zeit lassen sollte, bis sie sich um ihre Liebe um einen der beiden Männer wirklich bewusst wurde. So entschied sie sich letzten Endes für Alfred Büchner, doch bis heute ist unklar, wer der leibliche Vater meiner Oma gewesen ist. Was von dem anderen namenlosen Mann bleibt, sind zwei vergilbte Fotos, die meine Oma mit 5 Jahren, ihrer Mutter und ebendiesem Mann in Hamburg zeigen. In Hagenbecks Tierpark und auf der Kennedy Brücke. Auf der Rückseite niedergeschrieben : Er - mit 24 Jahren, 1927, beerdigt am 9. Dezember.
Anneliese mit c.a 18 Jahren
Hat er sich umgebracht weil die Liebe meiner Ur-Großmutter nicht mehr ihm galt, oder war er unheilbar krank? Wer war dieser Mann? War er jüdisch? Habe ich jüdische Vorfahren? Rührt das geringe Selbstbewusstsein und die Verschwiegenheit meiner Oma daher, dass sie nicht mit ihrem leiblichen Vater aufgewachsen ist und stets das Gefühl hatte im Schatten ihrer Schwester zu stehen? Fragen, die das Mysterium meiner Oma noch immer umweben. Schon als ich klein war, spürte ich die erschreckende Unzulänglichkeit, die sie ausstrahlte. Ich konnte ihr nie richtig nahe sein, nicht durch Zärtlichkeit, nur durch ihre Geschichten aus der Vergangenheit von der sie auch nicht alles preisgeben wollte, und später nicht mehr konnte. So erzählte sie niemandem, dass ihr Vater Alfred Büchner in der NS-Zeit in einem sozialdemokratischen, kommunistischen Verband tätig war. Bevor er in den Krieg eingezogen wurde, aus dem er nie wieder Heim kehrte, musste er für zwei Jahre in mehrere Arbeitslager, als meine Oma ein junges Mädchen war. Die liebste Geschichte, die sie jedoch erzählte, handelte nicht von ihr selbst oder ihrer Familie, sondern von dem Bruder ihres Schwiegervaters. Sie war von so viel Stolz erfüllt wenn sie davon sprach, dass er einen dreifachen Doktortitel in der Psychologie, Pharmazie und Philosophie hatte und er eines Tages mit seiner Frau, einer gutbürgerlichen Dame aus Wien, zu Besuch nach Lauterberg kam und ihr ein echtes Goldarmband schenkte. Je älter sie wurde, desto öfter erzählte sie davon. Über meinen Opa, der 1987 starb, und ich ihn somit nie kennenlernen konnte, sprach sie fast nie. Und so versuchte ich mir selbst ein Bild zu machen, ihn in meiner Fantasie zu konstruieren durch Fotos und Geschichten anderer. Doch 2018 erhielt ich das wohl wertvollste Geschenk, das mir je überreicht wurde - die alten Liebesbriefe, die mein Opa während des Krieges als junger Soldat an meine Oma geschrieben hatte. Sie lernten sich über einen Briefaustausch kennen und lieben. “Ich kann einfach unseren Augenblick nicht mehr erwarten. Ich wollte mir ja wirklich alles bis dahin aufheben, aber jetzt kann ich einfach nicht mehr länger warten und ich muss es dir schon gestehen, dass ich dich sehr liebe. Schon von dem Augenblick an liebte, wo ich dein kleines Foto erhielt.”
Anneliese und Alois bei ihrer Hochzeit
Er kam aus Mikulov, einer Kleinstadt in Tschechischen, wo seine Eltern Besitzer mehrerer Weinberge waren, die ihnen nach dem Ende des zweiten Weltkrieges entrissen wurden. Als mir meine Oma die Briefe überreichte, sagte sie: „Ich habe sie immer aufbewahrt, damit ich sie irgendwann weitergeben kann.“ Sie sagte es so als wäre dies der einzige Nutzen gewesen, so als würde hinter den Briefen für sie kein emotionaler Wert stehen. Es schien ihr immer wichtig ein Vermächtnis zu hinterlassen, aber dennoch schwieg sie über viele Erinnerungen. Was bleibt ist ein rätselhaftes Vermächtnis. So rätselhaft, unnahbar wie der Kontext ihres Lebens. Der Schauplatz - ihre Heimat. Für mich gleicht dieser Ort eher einem Traum als etwas greifbar Realem. Und vielleicht ist das ein weiterer Grund, den Tod meiner Großmutter nicht verarbeiten zu können, weil dieser Ort mit ihr verbunden ist und die Geschichte und Schönheit dieses Ortes so komplex und gewaltig ist, um ihn gänzlich verstehen zu können. Sie hat nie woanders gelebt - sie ist in diesem Ort geboren und in ihm gestorben, was nicht ungewöhnlich ist für Menschen, die älteren Generationen angehören. Doch bei ihr mag es nicht an Bequemlichkeit gelegen haben, zu diesem Entschluss komme ich immer mehr, sondern weil sie einfach nicht anders konnte. Früher als ich in die Pubertät kam und wie alle anderen dramatischen, sich zu etwas besonderen ernennenden Teenagern, von dem Wanderlust-Fieber gepackt wurde und damit prahlte wie kultiviert und bewandert ich einst sein würde, habe ich meine Oma dafür verurteilt, dass sie nie weggezogen ist. Heute ertappe ich mich oft bei dem Gedanken, wie es wohl gewesen wäre, wenn Papa nicht nach Hamburg gezogen wäre. Wenn er mir von seinem Umzug erzählt, könnten Außenstehende denken, dass er zuvor im Ausland gelebt hätte und einen weiten Weg hinter sich bringen musste, um nach Hamburg zu ziehen. “Wir sind in die Welt gezogen und wollten mehr”, sagt er über das Wegziehen von ihm, seinem Bruder und seinen beiden Cousins. Die Entfernung ließ sich nicht durch die Kilometeranzeige bemessen, denn er verließ eine Märchenwelt irgendwo zwischen den Sternen. Das Wunder, das bleibt, sind seine Erinnerungen, die auf mich abfärbten und suggerierten, das Erwachsenwerden bedeutete nostalgisch zu sein.
Denke ich an meine Oma zurück - sie starb im Sommer 2020 im Alter von 97 Jahren - denke ich an den Wert von Geschichten. Dass ihr Wert nicht in den Ereignissen, die passiert sind liegt, sondern darin, wie wir sie erzählen. Und wie Geschichten dafür da sind, um uns von ihnen formen zu lassen, uns zu gestalten. Ich denke daran, wie meine Oma das nicht tat. Wie sie in ihrer kleinen Wohnung saß mit 50 Jahre alten Möbeln, der Kleidung ihres verstorbenen Mannes im Schrank, sich verkroch und mit den Erinnerungen nichts anzufangen wusste, außer in ihnen einsam zu leben. Ich denke daran, wie sie mir ihre Erinnerungen weitergab. Und ich kläglich versuche daraus einen Sinn zu schaffen.
Juni 2022
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