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Woke Shit

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Afrikanische Kunst in den Fängen Europas: Ein Ruf nach Freiheit

Afrikanische Kunst in den Fängen Europas: Ein Ruf nach Freiheit

Bereits vor einigen Monaten wurde ich auf YouTube auf ein Video von Jan Böhmermann aufmerksam, in dem es um das knapp 680 Millionen Euro kostspielige Humboldt-Forum und seine gestohlenen Kunstwerke aus Afrika ging, die momentan noch reichlich und unrechtermaßen in deutschen Museen verstauben (Zum Video geht es hier).
Zuvor habe ich in meiner eigenen Ignoranz kaum etwas von diesem Thema erfahren, selten nur habe ich etwas über jene Debatte in Frankreich verfolgt. Doch habe ich mich nicht direkt gefragt, wie die Situation eigentlich in Deutschland aussieht. Denn auch wir hatten immerhin Kolonien und haben uns historisch auch in weitere Geschehen rund um den Kolonialismus eingebracht. Dafür, dass Deutschland sich im Thema Aufarbeitung der Geschichte also als Vorreiter verklärt, ist eine klare koloniale Amnesie zu diagnostizieren, eher blockt man die deutsche Schuld ab.


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Experten schätzen rund 80-90% des Kulturerbes von Subsahara-Afrika, befindet sich außerhalb des afrikanischen Kontinents, nämlich in der westlichen Welt [1]. Etwa die Benin Bronzen, die 1897 vom britischen Militär gewaltsam entwendet wurden sind und nun im Humboldt- Forum ausgestellt werden.
Bei dem Humboldt-Forum handelt es sich zusätzlich um das ehemalige Hohenzollern Schloss, welches einer Familie gehörte, die zutiefst den Kolonialismus prägte und diesen sogar für den Eigennutzen vorantrieb, etwa Wilhelm der II., der den Kolonialismus nach 1871 in Deutschland einläutete [2].
Eine Schande, wenn man bedenkt, dass genau in einem solchen Schloss mit solch einem geschichtlichem Hintergrund, glorreiche afrikanische Kunst gefangen gehalten wird und teils in Kellern verstaubt.


Kurze Zusammenfassung über die Geschichte des Kunstraubs

Der Kunstraub wurde in den meisten Fällen als Kriegsbeute angesehen, die nach der angeblich heroischen, zivilisationsbringenden Eroberung durch das barbarische britische Militär nach Europa gelangte [3]. Es entfachte sich geradezu ein Konkurrenzkampf zwischen den einzelnen Kolonialregierungen - denn die Völkerkundemuseen galt es zu füllen.
Aber auch geistliche Missionare, die über Jahre versuchten, afrikanische Spiritualität im Kern zu ersticken bereicherten sich an den Schätzen, die sie in den Regionen vorfanden, um ihre Habgier zu befriedigen [4].
Umso erschreckender, dass im Zusammenhang dieses Hintergrunds auch noch auf dem Humboldt-Forum die Unterwerfung aller Menschen vor dem Christentum verlangt wird [5].
Im Falle Deutschlands erwirtschaftete man viele Kunstwerke aus britischen Auktionshäusern oder bediente sich übermäßig auch selbst des Kunstraubes in den südwestlichen Kolonien, ohne auch nur die große kulturelle Bedeutung dieser Objekte für ihre Völker zu würdigen [6].
Es war kaum möglich, einen Gegenstand zu erhalten, ohne zum mindesten etwas Gewalt anzuwenden, äußerte sich dazu der Direktor des Völkerkundemuseums Berlins [7]. Mit dem Entwenden dieser Werke halten die europäischen Völker die Seele afrikanischer Kultur seit jeher gefangen.
Europa kommt. Europa zerstört. Europa verdrängt.
Dabei hielt man in der europäischen Welt die Annahme aufrecht, diese afrikanische Kunst müsse eher als primitive Handwerkskunst angesehen werden, nicht zu vergleichen mit europäischen Meisterwerken. So entwertete man sie zusätzlich als hässlich oder unterstellte den Künstlern, gar nicht erst in der Lage gewesen zu sein die hochwertigen Benin-Bronzen gefertigt zu haben [8]. Wie man sieht, wird die Deutung über afrikanische Kunst zutiefst von rassistischen und respektlosen Stereotypen genährt, damals wie auch heute.
Aber auch nach dem Zeitalter des Kolonialismus fand Kunstraub weiterhin statt.
Frankreich zum Beispiel entwendete nach der Unabhängigkeit vieler afrikanischer Länder unrechtermaßen Kunstwerke aus Algier und verfrachtete sie nach Europa. Auch Belgien behielt nach der Weltausstellung 1958 Leihgaben aus dem Kongo [9].
Gleichzeitig lassen sich aber nicht nur Kunstwerke in den deutschen Museen finden, auch Knochen von afrikanischen Menschen, die brutal von der Kolonialregierung ermordet wurden sind, werden in den kalten Kellern gelagert, ohne, dass Angehörige jemals Abschied nehmen konnten, geschweige denn über den Aufenthaltsort der Überbleibsel aufgeklärt worden sind. Die Wunden sitzen noch immer tief [10].
Im Namen der Wissenschaft untersuchten die grausamen Europäer Knochen und Schädel der Menschen um falsche Erkenntnisse dann als Rassenforschung zu verkaufen, um die Andersartigkeit, angeblich fehlende Kultur und Primitivität im Vergleich zum weißen Menschen zu unterstreichen [11]. Noch immer sind viele Menschen fälschlicherweise von diesen Erkenntnissen überzeugt.
Europa, wie können die Seelen dieser Menschen jemals Frieden finden, wenn sie an einen für sie fremden Ort verweilen - fern von ihren Völkern, fern von ihren Nachkommen. Wie können diese Seelen Frieden finden, wenn sie nicht einmal eine adäquate Beerdigung erhalten haben, nach den Traditionen ihrer Völker?


Die Restitutionsdebatte über die Jahre

Die Debatte um mögliche Rückgaben entfachte sich bereits in den 1950-iger Jahren und hatte ihren Höhepunkt um 1970 mit einer Rede der UNESCO erreicht, jedoch ohne großen Erfolg [12]. Zu jener Zeit wurden zum ersten Mal Forderungen afrikanischer Völker ausgesprochen. Man bat die europäischen Museen lediglich zurückzugeben, was eine tiefe Bedeutung für die jeweiligen Völker habe und welche Entwendung den tiefsten Schmerz verursacht hatte [13].
In Europa sträubte man sich trotz dessen zutiefst.
Man hatte Angst, diese Thematik würde Wellen schlagen, so dass deutsche Museen bald leerstehen würden [14].
Die Rückforderungen der "frustrierten Afrikaner" wären somit eine ernst zu nehmende Bedrohung für die deutsche Museumswelt. Europäische Museen versunken in unbegründetes Selbstmitleid.
Museumsdirektoren zu jener Zeit, die noch immer koloniale Werte vertraten und teils auch in der NSDAP-Partei Mitglied waren, weigerten sich die Kunstwerke zurückzugeben und hofften mit fehlenden Stellungsnahmen darauf, dass die Debatte um die Restitution schnell in Vergessenheit geriet und man die Verantwortung auf andere Generationen, abschieben konnte.
Die Argumentationen: man hätte die wertvollen Objekte auf legalem Wege von Großbritannien erwirtschaftet oder habe sie als Geschenk entgegengenommen, von einem Raubzug könne nicht die Rede sein. Die angeblich legale Entwendung sei moralisch vertretbar gewesen, zudem würde Europa die Kulturgüter der Welt mit äußerster Vorsicht pflegen, da die Entwicklungsländer dazu nicht in der Lage wären - die dortigen Museen befänden sich in einem furchterregenden Zustand.
Die Rückgabe solcher Werke sei somit unmoralisch, gar verräterisch, äußerte sich der Museumsdirektor Kußmaul [15].
Die afrikanischen Völker würden aus Reue und Frustration heraus handeln, nicht aus Rationalität.
Auch heute noch wird genau zu solch einer Argumentation gegriffen. Europa sei in seinen Umgang mit Kunst anderen Kulturen überheblich, die Völker sollten Europa eher danken, dass man ihre Kunst so lange konservieren konnte - dies ist kolonial-rassistisches Denken:


Kommentare unter dem Zukunfts-Podcast der Tagesschau


Ein weiteres Argument europäischer Museen wäre das hohe Interesse an Weltoffenheit - die Werke nach Afrika zurückzugeben wäre kontraproduktiv, so dass der Welt der Zugang zu diesen Werken verwehrt bliebe. Was ist also mit den afrikanischen Völkern, die seit jeher keinen Zugang zu ihren eigenen Werken haben, ihrer eigenen Geschichte und Kultur? Wie lindert man ihren Schmerz? Was ist mit den leer gefegten Museen in Afrika - geziert von einfachen Fotografien ihrer Werke, doch ihre Abwesenheit umso mehr ins Gedächtnis gerufen?
Nun ist die Diskussion um die gestohlenen Kunstwerke erneut entfacht und genießt in Deutschland, wenn auch wenig, öffentliche Anerkennung.
In den neusten Entwicklungen steht wie oben erwähnt vor allem das Humboldt Forum im Fokus.
Aber erst seit den medialen Aufruhen nahm dieses, geleitet von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die auch damals Restitutionen verwehrte, zu ihren gestohlenen Werken Stellung.
Inventarlisten, um die Legitimität des Besitzes nachzuweisen, veröffentlichte man Jahrzehnte lang bewusst nicht, um ihre Herkunft so gut wie möglich zu vertuschen und möglichen Rückgaben aus dem Weg zu gehen [16].
Auch an der Provenienzforschung scheint man nicht interessiert zu sein - nur 4 Stellen schrieb das Humboldt Forum aus [17]. Eindeutig zu wenig, wäre man tatsächlich an Rückgaben und der Forschung um ihre Legitimität interessiert.
Nun äußerte man sich nach jahrelangem Kampf dann erstmals positiv über Rückgaben, wobei man lieber zu dem Begriff Dauerleihgaben oder großzügige Geschenke greift, um so gut wie möglich die Schuld der Museen abzuweisen. Momentan befände man sich noch in Verhandlungen mit dem nigerianischen Staat, doch sei man bereit, nach ausgiebiger Dokumentation der Bestände über Dauerleihgaben nachzudenken [18].
Wieder einmal verläuft der Prozess somit schleppend - zu wenig Kunstwerke wurden bisher an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben.


Unser Statement

Das afrikanische Kulturgut wird von den europäischen Museen in Ketten gelegt, während ihre Völker nun seit Jahrzehnten schon vergeblich nach ihnen rufen.
Restitution ist bereits lange überfällig. Langes Reden aber kein Handeln mittlerweile mehr als unakzeptabel.
Europa hat jene Kunstwerke mit Blut befleckt, so sollte man zumindest den Anstand aufbringen, zurückzugeben, was niemals uns gehörte.
Natürlich verfolgt afrikanische Kunst, genauso wie auch europäische einen ästhetischen Nutzen, aber auch die Funktionalität für die einzelnen Völker ist besonders hoch. So wurden Masken oft für wichtige Zeremonien genutzt oder man nutzte Werke um an politische, soziale oder kulturell wichtige Ereignisse zu gedenken. Ob die Objekte somit in die Museen gehören, ganz gleich ob europäische oder afrikanische, oder nicht doch lieber in den privaten Besitz der Völker gehen sollten, ist allein die Entscheidung der Völker, von denen die Objekte geschaffen worden sind und wo der Verlust somit am größten ist. Denn das Entreißen dieser Werke verwehrt diesen Menschen einen wichtigen Zugangspunkt zu ihrer Geschichte und kultureller Auslebung, dabei besitzt ein jeder Mensch das Recht an solchen kulturellen Ereignissen teilzunehmen und sich an den eigenen Künsten erfreuen zu können. Doch verwehrt Europa diesen Menschen diese Möglichkeit, um das eigene Prestige zu wahren.
Über Jahrhunderte wurde die Komplexität der afrikanischen Völker schlichtweg ignoriert (siehe die willkürliche Grenzziehung). Doch sollten wir diese komplexen Strukturen endlich aufrichtig anerkennen. Verhandlungen mit den einzelnen Regierung genügt nicht. Die Kunstwerke wurden einzelnen Völkergruppen entrissen, nicht der heutigen Regierung, so sollten auch mit jenen Völkern Verhandlungen stattfinden. Erst durch solche Bemühung kann die Aufrichtigkeit der europäischen Länder im Hinblick auf die Rückgaben in meinen Augen deutlich werden.
Allgemein müssen wir endlich wegkommen von den kolonial-rassistischen Denken und dem Überlegenheitsgefühl vieler europäischer Bürger. Denn dieses Überlegenheitsgefühl ist in uns allen noch tief verankert, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Stattdessen sollten wir unsere Schuld und Privilegien endlich anerkennen. Wir müssen uns dieser unangenehmen Wahrheit stellen und die Hierarchisierung der Kulturen und der Kunst, die es fälschlicherweise noch immer vorzufinden gibt und die westliche Welt an der Spitze vermutet, zerstören, um Platz für Toleranz, Verständnis und Wertschätzung für die Zukunft zu schaffen. Es liegt somit auch an uns, die Museen nun weiter unter Druck zu setzen, um endlich ein Handeln erzielen zu können und einen weiteren Schritt in Richtung Dekolonisierung einzuleiten.


Quellen:

[1] Schneider, Amely: "Afrikas geraubtes Kulturerbe", in: fu-berlin.de, 16.01.2019, URL: https://www.fu-berlin.de/campusleben/campus/2019/190116-dhc-lecture-savoy/index.html, Abruf am: 27.06.2021

[2] Hilt, Kerstin: "Deutsche Geschichte. Deutsche Kolonien", in: planet-wissen.de, URL: https://www.planet-wissen.de/geschichte/deutsche_geschichte/deutsche_kolonien/index.html, Abruf am: 27.06.2021

[3] Savoy, Bénédicte: „Afrikas Kampf um seine Kunst.“, 2. Auflage, C.H. Beck, München 2021, S. 25.

[4] Savoy, Bénédicte: „Afrikas Kampf um seine Kunst.“, 2. Auflage, C.H. Beck, München 2021, S. 15.

[5] Zimmermann, Steffen: "Kreuz und Bibelspruch: Das Berliner Stadtschloss erhitzt die Gemüter", in: katholisch.de, 29.05.2020, URL: https://www.katholisch.de/artikel/25630-kreuz-und-bibelspruch-das-berliner-stadtschloss-erhitzt-die-gemueter, Abruf am: 27.06.2021

[6], [16] Noffke, Oliver: "Was sind die Benin-Bronzen?", in: rbb.de, 29.04.2021, URL: https://www.rbb24.de/kultur/beitrag/2021/04/benin-bronzen-berlin-humboldt-forum-nigeria-stiftung-preussischer-kulturbesitz.html, Abruf am 29.06.2021

[7] Savoy, Bénédicte: „Afrikas Kampf um seine Kunst.“, 2. Auflage, C.H. Beck, München 2021, S. 198.

[8] Savoy, Bénédicte: „Afrikas Kampf um seine Kunst.“, 2. Auflage, C.H. Beck, München 2021.

[9] Savoy, Bénédicte: „Afrikas Kampf um seine Kunst.“, 2. Auflage, C.H. Beck, München 2021, S. 13-14.

[10] Pelz, Daniel: "Streit um Schädel: Dunkles Kolonialerbe in deutschen Museen", in: dw.com, 06.04.2018, URL: https://www.dw.com/de/streit-um-sch%C3%A4del-dunkles-kolonialerbe-in-deutschen-museen/a-43270316, Abruf am 27.06.2021

[11] Kimmerle, Elisabeth: "Im Kolonialismus geraubte Körperteile. Wem gehört der Schädel?", in: taz.de, 04.02.2018, URL: https://taz.de/Im-Kolonialismus-geraubte-Koerperteile/!5479447/, Abruf am 27.06.2021

[12] Savoy, Bénédicte: „Afrikas Kampf um seine Kunst.“, 2. Auflage, C.H. Beck, München 2021, S. 130.

[13] Savoy, Bénédicte: „Afrikas Kampf um seine Kunst.“, 2. Auflage, C.H. Beck, München 2021, S. 10.

[14] Savoy, Bénédicte: „Afrikas Kampf um seine Kunst.“, 2. Auflage, C.H. Beck, München 2021, S. 56.

[15] Savoy, Bénédicte: „Afrikas Kampf um seine Kunst.“, 2. Auflage, C.H. Beck, München 2021, S.56-57.

[17] Jedicke, Philip: "Berliner Humboldt Forum: Start mit offenen Fragen", in: dw.com, 16.12.2020, URL: https://www.dw.com/de/humboldt-forum-kritik/a-55952173, Abruf am: 27.06.2021

[18] Häntzschel, Jörg: "Versprechen oder Versprecher?", in: sueddeutsche.de, 23.03.2021, URL: https://www.sueddeutsche.de/kultur/museen-benin-bronzen-rueckgabe-humboldt-forum-1.5243677, Abruf am 27.06.2021

Bereits vor einigen Monaten wurde ich auf YouTube auf ein Video von Jan Böhmermann aufmerksam, in dem es um das knapp 680 Millionen Euro kostspielige Humboldt-Forum und seine gestohlenen Kunstwerke aus Afrika ging, die momentan noch reichlich und unrechtermaßen in deutschen Museen verstauben (Zum Video geht es hier).
Zuvor habe ich in meiner eigenen Ignoranz kaum etwas von diesem Thema erfahren, selten nur habe ich etwas über jene Debatte in Frankreich verfolgt. Doch habe ich mich nicht direkt gefragt, wie die Situation eigentlich in Deutschland aussieht. Denn auch wir hatten immerhin Kolonien und haben uns historisch auch in weitere Geschehen rund um den Kolonialismus eingebracht. Dafür, dass Deutschland sich im Thema Aufarbeitung der Geschichte also als Vorreiter verklärt, ist eine klare koloniale Amnesie zu diagnostizieren, eher blockt man die deutsche Schuld ab.


ree


Experten schätzen rund 80-90% des Kulturerbes von Subsahara-Afrika, befindet sich außerhalb des afrikanischen Kontinents, nämlich in der westlichen Welt [1]. Etwa die Benin Bronzen, die 1897 vom britischen Militär gewaltsam entwendet wurden sind und nun im Humboldt- Forum ausgestellt werden.
Bei dem Humboldt-Forum handelt es sich zusätzlich um das ehemalige Hohenzollern Schloss, welches einer Familie gehörte, die zutiefst den Kolonialismus prägte und diesen sogar für den Eigennutzen vorantrieb, etwa Wilhelm der II., der den Kolonialismus nach 1871 in Deutschland einläutete [2].
Eine Schande, wenn man bedenkt, dass genau in einem solchen Schloss mit solch einem geschichtlichem Hintergrund, glorreiche afrikanische Kunst gefangen gehalten wird und teils in Kellern verstaubt.


Kurze Zusammenfassung über die Geschichte des Kunstraubs

Der Kunstraub wurde in den meisten Fällen als Kriegsbeute angesehen, die nach der angeblich heroischen, zivilisationsbringenden Eroberung durch das barbarische britische Militär nach Europa gelangte [3]. Es entfachte sich geradezu ein Konkurrenzkampf zwischen den einzelnen Kolonialregierungen - denn die Völkerkundemuseen galt es zu füllen.
Aber auch geistliche Missionare, die über Jahre versuchten, afrikanische Spiritualität im Kern zu ersticken bereicherten sich an den Schätzen, die sie in den Regionen vorfanden, um ihre Habgier zu befriedigen [4].
Umso erschreckender, dass im Zusammenhang dieses Hintergrunds auch noch auf dem Humboldt-Forum die Unterwerfung aller Menschen vor dem Christentum verlangt wird [5].
Im Falle Deutschlands erwirtschaftete man viele Kunstwerke aus britischen Auktionshäusern oder bediente sich übermäßig auch selbst des Kunstraubes in den südwestlichen Kolonien, ohne auch nur die große kulturelle Bedeutung dieser Objekte für ihre Völker zu würdigen [6].
Es war kaum möglich, einen Gegenstand zu erhalten, ohne zum mindesten etwas Gewalt anzuwenden, äußerte sich dazu der Direktor des Völkerkundemuseums Berlins [7]. Mit dem Entwenden dieser Werke halten die europäischen Völker die Seele afrikanischer Kultur seit jeher gefangen.
Europa kommt. Europa zerstört. Europa verdrängt.
Dabei hielt man in der europäischen Welt die Annahme aufrecht, diese afrikanische Kunst müsse eher als primitive Handwerkskunst angesehen werden, nicht zu vergleichen mit europäischen Meisterwerken. So entwertete man sie zusätzlich als hässlich oder unterstellte den Künstlern, gar nicht erst in der Lage gewesen zu sein die hochwertigen Benin-Bronzen gefertigt zu haben [8]. Wie man sieht, wird die Deutung über afrikanische Kunst zutiefst von rassistischen und respektlosen Stereotypen genährt, damals wie auch heute.
Aber auch nach dem Zeitalter des Kolonialismus fand Kunstraub weiterhin statt.
Frankreich zum Beispiel entwendete nach der Unabhängigkeit vieler afrikanischer Länder unrechtermaßen Kunstwerke aus Algier und verfrachtete sie nach Europa. Auch Belgien behielt nach der Weltausstellung 1958 Leihgaben aus dem Kongo [9].
Gleichzeitig lassen sich aber nicht nur Kunstwerke in den deutschen Museen finden, auch Knochen von afrikanischen Menschen, die brutal von der Kolonialregierung ermordet wurden sind, werden in den kalten Kellern gelagert, ohne, dass Angehörige jemals Abschied nehmen konnten, geschweige denn über den Aufenthaltsort der Überbleibsel aufgeklärt worden sind. Die Wunden sitzen noch immer tief [10].
Im Namen der Wissenschaft untersuchten die grausamen Europäer Knochen und Schädel der Menschen um falsche Erkenntnisse dann als Rassenforschung zu verkaufen, um die Andersartigkeit, angeblich fehlende Kultur und Primitivität im Vergleich zum weißen Menschen zu unterstreichen [11]. Noch immer sind viele Menschen fälschlicherweise von diesen Erkenntnissen überzeugt.
Europa, wie können die Seelen dieser Menschen jemals Frieden finden, wenn sie an einen für sie fremden Ort verweilen - fern von ihren Völkern, fern von ihren Nachkommen. Wie können diese Seelen Frieden finden, wenn sie nicht einmal eine adäquate Beerdigung erhalten haben, nach den Traditionen ihrer Völker?


Die Restitutionsdebatte über die Jahre

Die Debatte um mögliche Rückgaben entfachte sich bereits in den 1950-iger Jahren und hatte ihren Höhepunkt um 1970 mit einer Rede der UNESCO erreicht, jedoch ohne großen Erfolg [12]. Zu jener Zeit wurden zum ersten Mal Forderungen afrikanischer Völker ausgesprochen. Man bat die europäischen Museen lediglich zurückzugeben, was eine tiefe Bedeutung für die jeweiligen Völker habe und welche Entwendung den tiefsten Schmerz verursacht hatte [13].
In Europa sträubte man sich trotz dessen zutiefst.
Man hatte Angst, diese Thematik würde Wellen schlagen, so dass deutsche Museen bald leerstehen würden [14].
Die Rückforderungen der "frustrierten Afrikaner" wären somit eine ernst zu nehmende Bedrohung für die deutsche Museumswelt. Europäische Museen versunken in unbegründetes Selbstmitleid.
Museumsdirektoren zu jener Zeit, die noch immer koloniale Werte vertraten und teils auch in der NSDAP-Partei Mitglied waren, weigerten sich die Kunstwerke zurückzugeben und hofften mit fehlenden Stellungsnahmen darauf, dass die Debatte um die Restitution schnell in Vergessenheit geriet und man die Verantwortung auf andere Generationen, abschieben konnte.
Die Argumentationen: man hätte die wertvollen Objekte auf legalem Wege von Großbritannien erwirtschaftet oder habe sie als Geschenk entgegengenommen, von einem Raubzug könne nicht die Rede sein. Die angeblich legale Entwendung sei moralisch vertretbar gewesen, zudem würde Europa die Kulturgüter der Welt mit äußerster Vorsicht pflegen, da die Entwicklungsländer dazu nicht in der Lage wären - die dortigen Museen befänden sich in einem furchterregenden Zustand.
Die Rückgabe solcher Werke sei somit unmoralisch, gar verräterisch, äußerte sich der Museumsdirektor Kußmaul [15].
Die afrikanischen Völker würden aus Reue und Frustration heraus handeln, nicht aus Rationalität.
Auch heute noch wird genau zu solch einer Argumentation gegriffen. Europa sei in seinen Umgang mit Kunst anderen Kulturen überheblich, die Völker sollten Europa eher danken, dass man ihre Kunst so lange konservieren konnte - dies ist kolonial-rassistisches Denken:


Kommentare unter dem Zukunfts-Podcast der Tagesschau


Ein weiteres Argument europäischer Museen wäre das hohe Interesse an Weltoffenheit - die Werke nach Afrika zurückzugeben wäre kontraproduktiv, so dass der Welt der Zugang zu diesen Werken verwehrt bliebe. Was ist also mit den afrikanischen Völkern, die seit jeher keinen Zugang zu ihren eigenen Werken haben, ihrer eigenen Geschichte und Kultur? Wie lindert man ihren Schmerz? Was ist mit den leer gefegten Museen in Afrika - geziert von einfachen Fotografien ihrer Werke, doch ihre Abwesenheit umso mehr ins Gedächtnis gerufen?
Nun ist die Diskussion um die gestohlenen Kunstwerke erneut entfacht und genießt in Deutschland, wenn auch wenig, öffentliche Anerkennung.
In den neusten Entwicklungen steht wie oben erwähnt vor allem das Humboldt Forum im Fokus.
Aber erst seit den medialen Aufruhen nahm dieses, geleitet von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die auch damals Restitutionen verwehrte, zu ihren gestohlenen Werken Stellung.
Inventarlisten, um die Legitimität des Besitzes nachzuweisen, veröffentlichte man Jahrzehnte lang bewusst nicht, um ihre Herkunft so gut wie möglich zu vertuschen und möglichen Rückgaben aus dem Weg zu gehen [16].
Auch an der Provenienzforschung scheint man nicht interessiert zu sein - nur 4 Stellen schrieb das Humboldt Forum aus [17]. Eindeutig zu wenig, wäre man tatsächlich an Rückgaben und der Forschung um ihre Legitimität interessiert.
Nun äußerte man sich nach jahrelangem Kampf dann erstmals positiv über Rückgaben, wobei man lieber zu dem Begriff Dauerleihgaben oder großzügige Geschenke greift, um so gut wie möglich die Schuld der Museen abzuweisen. Momentan befände man sich noch in Verhandlungen mit dem nigerianischen Staat, doch sei man bereit, nach ausgiebiger Dokumentation der Bestände über Dauerleihgaben nachzudenken [18].
Wieder einmal verläuft der Prozess somit schleppend - zu wenig Kunstwerke wurden bisher an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben.


Unser Statement

Das afrikanische Kulturgut wird von den europäischen Museen in Ketten gelegt, während ihre Völker nun seit Jahrzehnten schon vergeblich nach ihnen rufen.
Restitution ist bereits lange überfällig. Langes Reden aber kein Handeln mittlerweile mehr als unakzeptabel.
Europa hat jene Kunstwerke mit Blut befleckt, so sollte man zumindest den Anstand aufbringen, zurückzugeben, was niemals uns gehörte.
Natürlich verfolgt afrikanische Kunst, genauso wie auch europäische einen ästhetischen Nutzen, aber auch die Funktionalität für die einzelnen Völker ist besonders hoch. So wurden Masken oft für wichtige Zeremonien genutzt oder man nutzte Werke um an politische, soziale oder kulturell wichtige Ereignisse zu gedenken. Ob die Objekte somit in die Museen gehören, ganz gleich ob europäische oder afrikanische, oder nicht doch lieber in den privaten Besitz der Völker gehen sollten, ist allein die Entscheidung der Völker, von denen die Objekte geschaffen worden sind und wo der Verlust somit am größten ist. Denn das Entreißen dieser Werke verwehrt diesen Menschen einen wichtigen Zugangspunkt zu ihrer Geschichte und kultureller Auslebung, dabei besitzt ein jeder Mensch das Recht an solchen kulturellen Ereignissen teilzunehmen und sich an den eigenen Künsten erfreuen zu können. Doch verwehrt Europa diesen Menschen diese Möglichkeit, um das eigene Prestige zu wahren.
Über Jahrhunderte wurde die Komplexität der afrikanischen Völker schlichtweg ignoriert (siehe die willkürliche Grenzziehung). Doch sollten wir diese komplexen Strukturen endlich aufrichtig anerkennen. Verhandlungen mit den einzelnen Regierung genügt nicht. Die Kunstwerke wurden einzelnen Völkergruppen entrissen, nicht der heutigen Regierung, so sollten auch mit jenen Völkern Verhandlungen stattfinden. Erst durch solche Bemühung kann die Aufrichtigkeit der europäischen Länder im Hinblick auf die Rückgaben in meinen Augen deutlich werden.
Allgemein müssen wir endlich wegkommen von den kolonial-rassistischen Denken und dem Überlegenheitsgefühl vieler europäischer Bürger. Denn dieses Überlegenheitsgefühl ist in uns allen noch tief verankert, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Stattdessen sollten wir unsere Schuld und Privilegien endlich anerkennen. Wir müssen uns dieser unangenehmen Wahrheit stellen und die Hierarchisierung der Kulturen und der Kunst, die es fälschlicherweise noch immer vorzufinden gibt und die westliche Welt an der Spitze vermutet, zerstören, um Platz für Toleranz, Verständnis und Wertschätzung für die Zukunft zu schaffen. Es liegt somit auch an uns, die Museen nun weiter unter Druck zu setzen, um endlich ein Handeln erzielen zu können und einen weiteren Schritt in Richtung Dekolonisierung einzuleiten.


Quellen:

[1] Schneider, Amely: "Afrikas geraubtes Kulturerbe", in: fu-berlin.de, 16.01.2019, URL: https://www.fu-berlin.de/campusleben/campus/2019/190116-dhc-lecture-savoy/index.html, Abruf am: 27.06.2021

[2] Hilt, Kerstin: "Deutsche Geschichte. Deutsche Kolonien", in: planet-wissen.de, URL: https://www.planet-wissen.de/geschichte/deutsche_geschichte/deutsche_kolonien/index.html, Abruf am: 27.06.2021

[3] Savoy, Bénédicte: „Afrikas Kampf um seine Kunst.“, 2. Auflage, C.H. Beck, München 2021, S. 25.

[4] Savoy, Bénédicte: „Afrikas Kampf um seine Kunst.“, 2. Auflage, C.H. Beck, München 2021, S. 15.

[5] Zimmermann, Steffen: "Kreuz und Bibelspruch: Das Berliner Stadtschloss erhitzt die Gemüter", in: katholisch.de, 29.05.2020, URL: https://www.katholisch.de/artikel/25630-kreuz-und-bibelspruch-das-berliner-stadtschloss-erhitzt-die-gemueter, Abruf am: 27.06.2021

[6], [16] Noffke, Oliver: "Was sind die Benin-Bronzen?", in: rbb.de, 29.04.2021, URL: https://www.rbb24.de/kultur/beitrag/2021/04/benin-bronzen-berlin-humboldt-forum-nigeria-stiftung-preussischer-kulturbesitz.html, Abruf am 29.06.2021

[7] Savoy, Bénédicte: „Afrikas Kampf um seine Kunst.“, 2. Auflage, C.H. Beck, München 2021, S. 198.

[8] Savoy, Bénédicte: „Afrikas Kampf um seine Kunst.“, 2. Auflage, C.H. Beck, München 2021.

[9] Savoy, Bénédicte: „Afrikas Kampf um seine Kunst.“, 2. Auflage, C.H. Beck, München 2021, S. 13-14.

[10] Pelz, Daniel: "Streit um Schädel: Dunkles Kolonialerbe in deutschen Museen", in: dw.com, 06.04.2018, URL: https://www.dw.com/de/streit-um-sch%C3%A4del-dunkles-kolonialerbe-in-deutschen-museen/a-43270316, Abruf am 27.06.2021

[11] Kimmerle, Elisabeth: "Im Kolonialismus geraubte Körperteile. Wem gehört der Schädel?", in: taz.de, 04.02.2018, URL: https://taz.de/Im-Kolonialismus-geraubte-Koerperteile/!5479447/, Abruf am 27.06.2021

[12] Savoy, Bénédicte: „Afrikas Kampf um seine Kunst.“, 2. Auflage, C.H. Beck, München 2021, S. 130.

[13] Savoy, Bénédicte: „Afrikas Kampf um seine Kunst.“, 2. Auflage, C.H. Beck, München 2021, S. 10.

[14] Savoy, Bénédicte: „Afrikas Kampf um seine Kunst.“, 2. Auflage, C.H. Beck, München 2021, S. 56.

[15] Savoy, Bénédicte: „Afrikas Kampf um seine Kunst.“, 2. Auflage, C.H. Beck, München 2021, S.56-57.

[17] Jedicke, Philip: "Berliner Humboldt Forum: Start mit offenen Fragen", in: dw.com, 16.12.2020, URL: https://www.dw.com/de/humboldt-forum-kritik/a-55952173, Abruf am: 27.06.2021

[18] Häntzschel, Jörg: "Versprechen oder Versprecher?", in: sueddeutsche.de, 23.03.2021, URL: https://www.sueddeutsche.de/kultur/museen-benin-bronzen-rueckgabe-humboldt-forum-1.5243677, Abruf am 27.06.2021

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