josies werke.
Eine amerikanische Tragödie
Eine amerikanische Tragödie
eine Kurzgeschichte von Josie Herrmann
eine Kurzgeschichte von Josie Herrmann
Meine Mutter wurde an der goldenen Küste geboren und wie die Küste war sie auch – golden. Ein goldenes Kind mit goldenem Haar, ein Gesicht geziert mit hunderten Sonnensprossen, und einem sehr amerikanischen Lächeln, das hedonistisch war und kommerziell wirkte wie das eines Pin-Up Girls. Ihr Name war Lou Ann.
Überquerte sie die Straßenseite vor ihrem Haus, waren ihre nackten Füße bereit im Sand. Nachts konnte sie, wenn sie kalte Limonade auf dem Korbsessel ihrer Veranda trank, die Sterne über dem Meer beobachten und sich fragen, was es wohl bedeutete am Ende dieses großen, verheißungsvollen Landes zu wohnen. Am Ende des Traumes auf dem alles aufbaute – die Wirtschaft, die Industrie, die Kultur.
Sie fand den Gedanken beunruhigend.
Sie lief immer nackt zu Hause herum, ihre Füße patschend auf den Holzdielen, ihre Füße, die den Sand am Meer aufwirbelten, ihre Füße, die das kalte Wasser streiften. Auf beinah allen Kinderfotos von damals ist sie nackt; schon früh fand sie darin ihre persönliche Befreiungsphilosophie. Ich erinnere mich gerne an eine Aufnahme zurück, die ich vor ein paar Monaten, als ich in Nostalgie badete, in meinem verstaubten Keller anschaute. Festgehalten mit einer Super 8 Videokamera, tanzte meine Mutter mit mir auf dem Arm in einem lichtverwehten Kornfeld irgendwo in Missouri. Überblendungen der Intimität, quer einfallende Sonnenstrahlen. Lächelnd wank sie mit meiner kleinen Hand dem Mann hinter der Kamera zu. Wer der Mann war, weiß ich nicht – auf jeden Fall nicht mein Vater. Ein weiterer flüchtiger Verehrer, den sie nach wenigen Wochen fallen gelassen haben muss, weil sie der sexuell aufgeladenen, theatralischen Aufmerksamkeit überdrüssig wurde. 1974. Sie war 23 und ich 3 Jahre alt.
Sie war dünn, ihre Rippen und ihr Schlüsselbein standen hervor. Doch ihre Anatomie, ihre vollen Brüste und ihre breite Hüfte, verfehlten nie ihre magische Wirkungskraft. Sie blieb ihr Leben lang verführerisch, selbst dann als an ihrem Wesen nichts mehr verführerisch war. Sie trug blondes, fast weißes Haar – ihre Naturfarbe wurde dunkler, als sie in die Pubertät kam und mit 16 Jahren färbte sie sich ihre Haare fortan selbst, mit immer derselben Blondierung aus der Drogerie für 3.50$. Sie kam spät in die Pubertät und wuchs vorerst in die Länge, bevor sie ihre wunderschönen Proportionen erhielt.
„Ich dachte eine lange Zeit ich sei hässlich. Zu hässlich für meine Träume, zu hässlich für das Leben, wie ich es mir ausgemalt hatte“, erzählte sie in einer Latenight Talkshow 1971. „Ich war ein melancholischer Teenager. Ich verkroch mich in meinem Zimmer und wenn ich nicht gerade in Zeitschriften herumblätterte wie dem Playboy und der Vogue, oder die Mimik und Gestik von wunderschönen Schauspielerinnen aus der Stummfilm Ära studierte, spazierte ich die Straßen entlang. Beobachtete Hippies, die trampten, oder kaufte mir ein Busticket nach Hollywood, nur um an dem Paramount Filmgelände entlangzuschlendern. Ich sehnte mich unaufhörlich, träumte in den Schatten der Palmen, bis ich realisierte – ich muss mein Leben selbst kreieren.“ Dann lachte sie. „Vielleicht musste ich es auch nur bedingt kreieren, denn ich erhielt zwei Eintrittskarten für ein glorreiches Leben von Gott.“
Sie drehte sich zur Kamera und presste ihre Brüste zusammen. Das Publikum verfiel in raunendes Gelächter. „Das erste Mal realisierte ich, dass sich etwas verändert hatte und ich nicht nur noch das unschuldige, verklemmte Mädchen in der hintersten Sitzreihe des Klassenzimmers war, als ich bemerkte, wie mich ein älterer Mann unaufhörlich beim Schwimmen im Meer beobachtete. Danach kam er zu meinem Badehandtuch und wollte mich zum Essen einladen.“ Sie biss sich verführerisch auf ihre Unterlippe. Jemand im Publikum pfiff. „Er wollte mir einen Hot Dog ausgeben.“ Der Moderator, mit schmalziger Locke, der aussah wie eine schlechte Nachahmung von Elvis, legte seine Hand auf die meiner Mutter und sagte: „Schätzchen, ich glaube eher er wollte dir seinen Hot Dog zeigen.“ Sie spielte mit und lachte. Dann legte sie ihre andere Hand auf seine und sagte: „Die Geschichte ist doch noch nicht vorbei. Als ich die Sonnenstrahlen wegblinzelte, erkannte ich, dass es Mr. Andrews, der Arbeitskollege meines Vaters war. Ich sagte daraufhin piepsig: „Mr. Andrews, ich bin es Lou.“ Und er antwortete lediglich mit...“ Sie räusperte sich und imitierte eine tiefe männliche Stimme: „Ich weiß.“ Ich hätte sie gerne gefragt, warum sie sich stets so klein gemacht hatte. Doch ich sehe auch genau vor mir, wie sie mir achselzuckend geantwortet hätte: „Es war der moralische Maßstab der Zeit. Was hätte ich tun sollen.“
Neulich im Keller, durchwühlte ich außerdem Relikte, Schätze aus ihrer Vergangenheit, und fand ihr altes Tagebuch. Ein Satz, den sie niedergeschrieben hatte, ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Er war kaum leserlich und verschmiert – eine plötzliche Erkenntnis, die sie wahrscheinlich betrunken in der Nacht gewonnen haben muss. „Humor ist meine Überlebenskunst, er bewahrt mir das letzte Stück Persönlichkeit, das ich noch habe.“
Um ihre kurze Biografie fortzuschreiben ... Mit 17 fing sie an bei Dairy Queen zu arbeiten, eine Frozen Joghurt Kette, die sich wie hunderte rote Pinnadeln in Amerika wiederfinden ließ. Sie trug ein Minikleid und ein kleines, rosa Hüttchen. Autos hupten, die an ihr vorbeifuhren und Jungen fingen an, sie nach Dates zu fragen. Sie schlug die Zeit mit ihren Freunden an alten Tankstellen tot und verschrieb sich heißen Nachtmittagen mit Pot. Richtung Prärie, stoned auf dem Asphalt. Sie suchten Obhut vor der Hitze und machten mit ihren Motorrädern vor Coca-Cola Automaten Halt. Sie waren aufmüpfig gegenüber älteren Menschen, die einfach nur in Ruhe tanken wollten, bis sie des Platzes verwiesen wurden und weiterfuhren. Dies ging ein oder zwei Jahre so, bis sie scheinbar alles zum ersten Mal erlebt -und ihre Naivität verbraucht hatten. Nichts schien sich mehr zu ändern, der glorreiche Traum erbaute sich nicht mehr vor ihren Augen, nur in ihrer Fantasie.
Wenn es regnete, ging sie allein in kleine, marode Kinosäle und gab sich alten theatralischen Filmen hin, wo das Land niemals endete. Hollywooddiven mit ihren langen Wimpern und ihren traurigen Augen flammten auf den Leinwänden auf. Sie weinte bei jedem Film, insbesondere bei den Komödien, weil sie in ihnen die größte Tragik erkannte. Bei einer herzzerreißenden Liebeskomödie aus den 1940er Jahren beschloss sie eines Abends, dass ihr Herz wund werden sollte, nicht mehr rein, sondern beschmutzt von dem Leben. So liebte sie das erste Mal aufrichtig, ohne Spielereien, verletzte ihren Selbstwert und den des Jungen. Mit 19 wurde sie schwanger und trieb ab. Auch dieser Traum war nicht in Erfüllung gegangen. Ich erinnere mich, als ich klein war, dass sie sich, nachdem sie mich zum Schlafengehen zugedeckt hatte, vor mein Kinderbett kniete und flüsterte: „Los Jane, falte deine Hände zusammen und bete mit mir für deinen großen Bruder Patrick.“ Ich sagte, ich hätte keinen Bruder und sie antwortete: „Doch, hast du. Nur weil er im Himmel ist, heißt es nicht, dass er nicht mehr existiert.“ Trotz ihres hervorragenden Highschool Abschlusses, arbeitete sie weiterhin bei Dairy Queen. Doch kurz darauf passierte etwas Wundersames.
Ein Fotograf entdeckte sie und sie stand für ihre erste Erotikzeitschrift Modell. Sie musste für seine weitere Vermittlung, wie sie mir erzählte: „Nichts anderes tun, als ihm einen zu blasen und dabei für seine Privatsammlung gefilmt zu werden.“ Bald zierten ihr Körper und ihr Gesicht so viele Covers, dass sie in Los Angeles einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichte. 1971, mit 20 Jahren, wurde sie schließlich berühmt. Der Durchbruch gelang ihr durch eine Gastrolle in 6 Folgen einer international ausgestrahlten TV Soap, in der sie ein naives Putzmädchen porträtierte, die den Seitensprung des Hauptcharakters zu verantworten hatte. Auf den Straßen Hollywoods, wenn sie ihr Geld, das sie lediglich auf die Hand bekam, sofort ausgab, rief man ihr:„Maddie! Oh mein Gott, das ist Maddie!“ hinterher. Sie lächelte breit unter ihrer getönten Sonnenbrille und vergab mit Freude Autogramme.
Auf einer von zahlreichen Partys in Villen in Laurel Canyon, tanzte sie wie jedes Wochenende zwischen anderen Starlets, die sich mit ihren gepuderten oder weißen Nasen vor den Megastars und Produzenten in Szene setzten, als würde vor ihnen die Kamera laufen. Alles wirkte gestellt - wenn du nicht interessant genug wirktest, wurdest du als Requisit verdammt. Hier verloren Gespräche nicht nur an Tiefe, erstarb nicht nur endgültig der revolutionäre Geist der 60er Jahre und politisch aufgeladene Diskussionen, sondern auch die Romantik vor dem lebendigen Auge meiner Mutter, ohne, dass sie es zunächst bemerkt hatte. Denn hier lernte sie auch meinen Vater kennen, einen Regisseur für Indie Filme, die im Grunde ein satirisches Bild der Industrie widerspiegelten, in der er sich selbst bewegte. Sie waren düster und obszön. Meine Mutter verliebte sich in seine Intellektualität, seine Wortgewandtheit und Charme. Sein Laissez-faire. Seine Hingabe für russische Literatur – er las ihr abends im Bett seine Lieblingsstellen aus Romanen von Tolstoi und Dostojewski vor. Er kultivierte sie - dachte sie. Doch mit der Zeit stellte sich heraus, dass er den Schauplatz seiner Filme liebte, die Realität liebte mit ihrem Champagner, teuren drei Gänge Menüs im Chateau Marmont, die nächtlichen Besuche im Sunset Strip mit vollbusigen Frauen und die Skandale der Boulevard Zeitungen. Die Realität an der meine Mutter später zerbrechen sollte. Doch zunächst kommt die Einblende einer Szenerie, genauso wie sie es sich damals mit ihren Kinderaugen in der Dunkelheit ihres Zimmers, bevor ihre Lider zufielen und sie in den Schlaf glitt, ausgemalt hatte.
Grüne Palmen ausgebreitet wie Fächer zierten die Boulevards, eine Filmpremiere, die den Anfang ihrer Karriere als Schauspielerin verheißen sollte auf einem langen Teppich aus rotem Samt, weißes Blitzlichtgewitter, bis sie sich selbst nicht mehr gewahr war, außer, dass sie auf einer ekstatischen Wolke schwebte, die Ruhm zu nennen war, Nachmittage am blauen Poolwasser in dem ich plantschte, ihr erstes eigenes Auto – ein olivgrüner Cadillac – mit dem sie Meilen auf den Highways zurücklegte und lauthals die Lieder im Radio mitsang, die ihr als begleitende Hymnen in ihrem Leben dienten, weiße Gardinen, weiße Laken in unserem Haus, die im Sonnenlicht erstrahlten, der heimliche Geruch von Pancakes am Morgen und ihr Summen von dem ich geweckt wurde, wenn sie am Herd in der Küche stand. Salzwasser in ihrem Haar – Salzwasser in meinem. Unsere Herzen schlugen gleich. Der Abspann hätte beginnen sollen, doch das tat er nicht.
Ich kann nicht sagen ab welchem Moment das liebevolle Bild, das ich von meiner Mutter hatte, sich in eines wandelte, welches ein Stechen in meinem Brustkorb verursachte. Heute kann ich nur sagen, dass es mit Schlafmitteln zu tun hatte und einer Identität, die nicht mehr reifen konnte. Einmal sagte sie in einem Interview; eines ihrer Letzten, als sie nur noch eine umherwandelnde Satire ihrer Selbst mit toupiertem Haar darstellte: „Wer als Frau nach Ruhm greift, der zahlt mit seinem Charakter und unsere Kapitalanlage ist unser Körper.“ Sie verschrieb sich dem goldenen Reich der Frauen, deren Schönheit in Ewigkeit gemeißelt wurde wie die römischer Statuen - statisch, mystifiziert-ungreifbar. Ihre Seelen tanzen immerfort um das Hollywoodschild umher. Ihr Vermächtnis ist neben einigen Filmen, in denen sie immer jung bleiben würde, einer, in dem sie ihre Fähigkeiten als Schauspielerin unter Beweis stellen konnte.
Ich sehe sie noch immer vor mir – die Szene, von intensiver Sentimentalität durchdrungen, in der sie sich bei einem langsamen Tanz an die Schulter eines Mannes schmiegt. Ihre rosa lackierten Finger greifen immer fester in den Stoff des Sakos, als sie mit glasigen Augen gen Kameralinse in zerbrechlicher Stimme sagt: „Mein Verhängnis, Dan, ist, dass ich es nie überwunden habe kein Kind mehr zu sein.“ Die Träne fällt. „Aber was ist der Preis von alldem?“ „Es ist Liebe.“
Meine Mutter wurde an der goldenen Küste geboren und wie die Küste war sie auch – golden. Ein goldenes Kind mit goldenem Haar, ein Gesicht geziert mit hunderten Sonnensprossen, und einem sehr amerikanischen Lächeln, das hedonistisch war und kommerziell wirkte wie das eines Pin-Up Girls. Ihr Name war Lou Ann.
Überquerte sie die Straßenseite vor ihrem Haus, waren ihre nackten Füße bereit im Sand. Nachts konnte sie, wenn sie kalte Limonade auf dem Korbsessel ihrer Veranda trank, die Sterne über dem Meer beobachten und sich fragen, was es wohl bedeutete am Ende dieses großen, verheißungsvollen Landes zu wohnen. Am Ende des Traumes auf dem alles aufbaute – die Wirtschaft, die Industrie, die Kultur.
Sie fand den Gedanken beunruhigend.
Sie lief immer nackt zu Hause herum, ihre Füße patschend auf den Holzdielen, ihre Füße, die den Sand am Meer aufwirbelten, ihre Füße, die das kalte Wasser streiften. Auf beinah allen Kinderfotos von damals ist sie nackt; schon früh fand sie darin ihre persönliche Befreiungsphilosophie. Ich erinnere mich gerne an eine Aufnahme zurück, die ich vor ein paar Monaten, als ich in Nostalgie badete, in meinem verstaubten Keller anschaute. Festgehalten mit einer Super 8 Videokamera, tanzte meine Mutter mit mir auf dem Arm in einem lichtverwehten Kornfeld irgendwo in Missouri. Überblendungen der Intimität, quer einfallende Sonnenstrahlen. Lächelnd wank sie mit meiner kleinen Hand dem Mann hinter der Kamera zu. Wer der Mann war, weiß ich nicht – auf jeden Fall nicht mein Vater. Ein weiterer flüchtiger Verehrer, den sie nach wenigen Wochen fallen gelassen haben muss, weil sie der sexuell aufgeladenen, theatralischen Aufmerksamkeit überdrüssig wurde. 1974. Sie war 23 und ich 3 Jahre alt.
Sie war dünn, ihre Rippen und ihr Schlüsselbein standen hervor. Doch ihre Anatomie, ihre vollen Brüste und ihre breite Hüfte, verfehlten nie ihre magische Wirkungskraft. Sie blieb ihr Leben lang verführerisch, selbst dann als an ihrem Wesen nichts mehr verführerisch war. Sie trug blondes, fast weißes Haar – ihre Naturfarbe wurde dunkler, als sie in die Pubertät kam und mit 16 Jahren färbte sie sich ihre Haare fortan selbst, mit immer derselben Blondierung aus der Drogerie für 3.50$. Sie kam spät in die Pubertät und wuchs vorerst in die Länge, bevor sie ihre wunderschönen Proportionen erhielt.
„Ich dachte eine lange Zeit ich sei hässlich. Zu hässlich für meine Träume, zu hässlich für das Leben, wie ich es mir ausgemalt hatte“, erzählte sie in einer Latenight Talkshow 1971. „Ich war ein melancholischer Teenager. Ich verkroch mich in meinem Zimmer und wenn ich nicht gerade in Zeitschriften herumblätterte wie dem Playboy und der Vogue, oder die Mimik und Gestik von wunderschönen Schauspielerinnen aus der Stummfilm Ära studierte, spazierte ich die Straßen entlang. Beobachtete Hippies, die trampten, oder kaufte mir ein Busticket nach Hollywood, nur um an dem Paramount Filmgelände entlangzuschlendern. Ich sehnte mich unaufhörlich, träumte in den Schatten der Palmen, bis ich realisierte – ich muss mein Leben selbst kreieren.“ Dann lachte sie. „Vielleicht musste ich es auch nur bedingt kreieren, denn ich erhielt zwei Eintrittskarten für ein glorreiches Leben von Gott.“
Sie drehte sich zur Kamera und presste ihre Brüste zusammen. Das Publikum verfiel in raunendes Gelächter. „Das erste Mal realisierte ich, dass sich etwas verändert hatte und ich nicht nur noch das unschuldige, verklemmte Mädchen in der hintersten Sitzreihe des Klassenzimmers war, als ich bemerkte, wie mich ein älterer Mann unaufhörlich beim Schwimmen im Meer beobachtete. Danach kam er zu meinem Badehandtuch und wollte mich zum Essen einladen.“ Sie biss sich verführerisch auf ihre Unterlippe. Jemand im Publikum pfiff. „Er wollte mir einen Hot Dog ausgeben.“ Der Moderator, mit schmalziger Locke, der aussah wie eine schlechte Nachahmung von Elvis, legte seine Hand auf die meiner Mutter und sagte: „Schätzchen, ich glaube eher er wollte dir seinen Hot Dog zeigen.“ Sie spielte mit und lachte. Dann legte sie ihre andere Hand auf seine und sagte: „Die Geschichte ist doch noch nicht vorbei. Als ich die Sonnenstrahlen wegblinzelte, erkannte ich, dass es Mr. Andrews, der Arbeitskollege meines Vaters war. Ich sagte daraufhin piepsig: „Mr. Andrews, ich bin es Lou.“ Und er antwortete lediglich mit...“ Sie räusperte sich und imitierte eine tiefe männliche Stimme: „Ich weiß.“ Ich hätte sie gerne gefragt, warum sie sich stets so klein gemacht hatte. Doch ich sehe auch genau vor mir, wie sie mir achselzuckend geantwortet hätte: „Es war der moralische Maßstab der Zeit. Was hätte ich tun sollen.“
Neulich im Keller, durchwühlte ich außerdem Relikte, Schätze aus ihrer Vergangenheit, und fand ihr altes Tagebuch. Ein Satz, den sie niedergeschrieben hatte, ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Er war kaum leserlich und verschmiert – eine plötzliche Erkenntnis, die sie wahrscheinlich betrunken in der Nacht gewonnen haben muss. „Humor ist meine Überlebenskunst, er bewahrt mir das letzte Stück Persönlichkeit, das ich noch habe.“
Um ihre kurze Biografie fortzuschreiben ... Mit 17 fing sie an bei Dairy Queen zu arbeiten, eine Frozen Joghurt Kette, die sich wie hunderte rote Pinnadeln in Amerika wiederfinden ließ. Sie trug ein Minikleid und ein kleines, rosa Hüttchen. Autos hupten, die an ihr vorbeifuhren und Jungen fingen an, sie nach Dates zu fragen. Sie schlug die Zeit mit ihren Freunden an alten Tankstellen tot und verschrieb sich heißen Nachtmittagen mit Pot. Richtung Prärie, stoned auf dem Asphalt. Sie suchten Obhut vor der Hitze und machten mit ihren Motorrädern vor Coca-Cola Automaten Halt. Sie waren aufmüpfig gegenüber älteren Menschen, die einfach nur in Ruhe tanken wollten, bis sie des Platzes verwiesen wurden und weiterfuhren. Dies ging ein oder zwei Jahre so, bis sie scheinbar alles zum ersten Mal erlebt -und ihre Naivität verbraucht hatten. Nichts schien sich mehr zu ändern, der glorreiche Traum erbaute sich nicht mehr vor ihren Augen, nur in ihrer Fantasie.
Wenn es regnete, ging sie allein in kleine, marode Kinosäle und gab sich alten theatralischen Filmen hin, wo das Land niemals endete. Hollywooddiven mit ihren langen Wimpern und ihren traurigen Augen flammten auf den Leinwänden auf. Sie weinte bei jedem Film, insbesondere bei den Komödien, weil sie in ihnen die größte Tragik erkannte. Bei einer herzzerreißenden Liebeskomödie aus den 1940er Jahren beschloss sie eines Abends, dass ihr Herz wund werden sollte, nicht mehr rein, sondern beschmutzt von dem Leben. So liebte sie das erste Mal aufrichtig, ohne Spielereien, verletzte ihren Selbstwert und den des Jungen. Mit 19 wurde sie schwanger und trieb ab. Auch dieser Traum war nicht in Erfüllung gegangen. Ich erinnere mich, als ich klein war, dass sie sich, nachdem sie mich zum Schlafengehen zugedeckt hatte, vor mein Kinderbett kniete und flüsterte: „Los Jane, falte deine Hände zusammen und bete mit mir für deinen großen Bruder Patrick.“ Ich sagte, ich hätte keinen Bruder und sie antwortete: „Doch, hast du. Nur weil er im Himmel ist, heißt es nicht, dass er nicht mehr existiert.“ Trotz ihres hervorragenden Highschool Abschlusses, arbeitete sie weiterhin bei Dairy Queen. Doch kurz darauf passierte etwas Wundersames.
Ein Fotograf entdeckte sie und sie stand für ihre erste Erotikzeitschrift Modell. Sie musste für seine weitere Vermittlung, wie sie mir erzählte: „Nichts anderes tun, als ihm einen zu blasen und dabei für seine Privatsammlung gefilmt zu werden.“ Bald zierten ihr Körper und ihr Gesicht so viele Covers, dass sie in Los Angeles einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichte. 1971, mit 20 Jahren, wurde sie schließlich berühmt. Der Durchbruch gelang ihr durch eine Gastrolle in 6 Folgen einer international ausgestrahlten TV Soap, in der sie ein naives Putzmädchen porträtierte, die den Seitensprung des Hauptcharakters zu verantworten hatte. Auf den Straßen Hollywoods, wenn sie ihr Geld, das sie lediglich auf die Hand bekam, sofort ausgab, rief man ihr:„Maddie! Oh mein Gott, das ist Maddie!“ hinterher. Sie lächelte breit unter ihrer getönten Sonnenbrille und vergab mit Freude Autogramme.
Auf einer von zahlreichen Partys in Villen in Laurel Canyon, tanzte sie wie jedes Wochenende zwischen anderen Starlets, die sich mit ihren gepuderten oder weißen Nasen vor den Megastars und Produzenten in Szene setzten, als würde vor ihnen die Kamera laufen. Alles wirkte gestellt - wenn du nicht interessant genug wirktest, wurdest du als Requisit verdammt. Hier verloren Gespräche nicht nur an Tiefe, erstarb nicht nur endgültig der revolutionäre Geist der 60er Jahre und politisch aufgeladene Diskussionen, sondern auch die Romantik vor dem lebendigen Auge meiner Mutter, ohne, dass sie es zunächst bemerkt hatte. Denn hier lernte sie auch meinen Vater kennen, einen Regisseur für Indie Filme, die im Grunde ein satirisches Bild der Industrie widerspiegelten, in der er sich selbst bewegte. Sie waren düster und obszön. Meine Mutter verliebte sich in seine Intellektualität, seine Wortgewandtheit und Charme. Sein Laissez-faire. Seine Hingabe für russische Literatur – er las ihr abends im Bett seine Lieblingsstellen aus Romanen von Tolstoi und Dostojewski vor. Er kultivierte sie - dachte sie. Doch mit der Zeit stellte sich heraus, dass er den Schauplatz seiner Filme liebte, die Realität liebte mit ihrem Champagner, teuren drei Gänge Menüs im Chateau Marmont, die nächtlichen Besuche im Sunset Strip mit vollbusigen Frauen und die Skandale der Boulevard Zeitungen. Die Realität an der meine Mutter später zerbrechen sollte. Doch zunächst kommt die Einblende einer Szenerie, genauso wie sie es sich damals mit ihren Kinderaugen in der Dunkelheit ihres Zimmers, bevor ihre Lider zufielen und sie in den Schlaf glitt, ausgemalt hatte.
Grüne Palmen ausgebreitet wie Fächer zierten die Boulevards, eine Filmpremiere, die den Anfang ihrer Karriere als Schauspielerin verheißen sollte auf einem langen Teppich aus rotem Samt, weißes Blitzlichtgewitter, bis sie sich selbst nicht mehr gewahr war, außer, dass sie auf einer ekstatischen Wolke schwebte, die Ruhm zu nennen war, Nachmittage am blauen Poolwasser in dem ich plantschte, ihr erstes eigenes Auto – ein olivgrüner Cadillac – mit dem sie Meilen auf den Highways zurücklegte und lauthals die Lieder im Radio mitsang, die ihr als begleitende Hymnen in ihrem Leben dienten, weiße Gardinen, weiße Laken in unserem Haus, die im Sonnenlicht erstrahlten, der heimliche Geruch von Pancakes am Morgen und ihr Summen von dem ich geweckt wurde, wenn sie am Herd in der Küche stand. Salzwasser in ihrem Haar – Salzwasser in meinem. Unsere Herzen schlugen gleich. Der Abspann hätte beginnen sollen, doch das tat er nicht.
Ich kann nicht sagen ab welchem Moment das liebevolle Bild, das ich von meiner Mutter hatte, sich in eines wandelte, welches ein Stechen in meinem Brustkorb verursachte. Heute kann ich nur sagen, dass es mit Schlafmitteln zu tun hatte und einer Identität, die nicht mehr reifen konnte. Einmal sagte sie in einem Interview; eines ihrer Letzten, als sie nur noch eine umherwandelnde Satire ihrer Selbst mit toupiertem Haar darstellte: „Wer als Frau nach Ruhm greift, der zahlt mit seinem Charakter und unsere Kapitalanlage ist unser Körper.“ Sie verschrieb sich dem goldenen Reich der Frauen, deren Schönheit in Ewigkeit gemeißelt wurde wie die römischer Statuen - statisch, mystifiziert-ungreifbar. Ihre Seelen tanzen immerfort um das Hollywoodschild umher. Ihr Vermächtnis ist neben einigen Filmen, in denen sie immer jung bleiben würde, einer, in dem sie ihre Fähigkeiten als Schauspielerin unter Beweis stellen konnte.
Ich sehe sie noch immer vor mir – die Szene, von intensiver Sentimentalität durchdrungen, in der sie sich bei einem langsamen Tanz an die Schulter eines Mannes schmiegt. Ihre rosa lackierten Finger greifen immer fester in den Stoff des Sakos, als sie mit glasigen Augen gen Kameralinse in zerbrechlicher Stimme sagt: „Mein Verhängnis, Dan, ist, dass ich es nie überwunden habe kein Kind mehr zu sein.“ Die Träne fällt. „Aber was ist der Preis von alldem?“ „Es ist Liebe.“
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