josies werke.
Decken wir die Mythologie der Engel auf - schießen sie tot vom Himmel
Decken wir die Mythologie der Engel auf - schießen sie tot vom Himmel
ein Essay von Josie Herrmann
ein Essay von Josie Herrmann
So wie jede andere Frau pflückte ich mir meine Attribute wie Blumen aus einem utopischen Garten - dort stehen im gleißenden Licht weiße Statuen, die Jahrhunderte der Kunsthistorie abdecken. Sie blitzen erhaben in der Sonne und ich meißle mich selbst nach dem Vorbild ihrer Anatomie; ihren schwungvollen Hüften, ihren Brüsten, die wie Früchte hängen von dem Baum ihres Körpers. In dieser Landschaft wandelte ich schon als Kind und verkannte sie als meine Spielwiese, wenn ich tagträumte und mich erbaute, oder meine neugierigen Augen über den Bildschirm des Fernsehers wanderten, der kulturelle Szenerien ausstrahlte - eine bunte, verschleiernde Werbung in Dauerschleife. Am Wochenende erhaschte ich vormittags einen Blick auf Pamela Andersons Körper, der in einem roten, engen Badeanzug die kalifornische Küste durchstreifte. Ihren goldenen Kopf, ihr Reklame Lächeln, welches mich an das meiner Barbie Puppen erinnerte. Zuerst waren die Gedanken flüchtig, weniger fundiert, doch sie erhielten mehr Tiefe, desto älter ich wurde. Meine Tagträume wandelten sich in gar fieberhafte Zustände, wenn ich nachts in meinem Bett lag, meine Augen zukniff, die Hände beinah faltend auf meiner Decke ruhten und ich dachte, dass mein Körper noch schneller wie eine pralle Frucht ausreifen könnte, wenn ich doch nur fest genug daran glaubte. Es erinnert mich an den Ausschnitt einer Dokumentation über Anna Nicole Smith, die in den 90er Jahren als die neue Marilyn Monroe zelebriert wurde und sie in einem Interview erzählte, wie sie in ihrer Kindheit in einer heißen Vorstadt in dem Bundestaat Texas, die versteckten Playboy Magazine ihres Steifvaters entdeckte und sich daraufhin nichts sehnlicher wünschte, als sich in das Abbild eines Playboy Bunnys zu verwandeln. Doch mein Spiegelbild täuschte mich, das mir zusammengepresst entgegenblickte. Im Sportunterricht wurde ich noch immer als Letzte gewählt, trotz meiner Fähigkeit schnell zu laufen und Bällen beim Völkerballspiel auszuweichen. Ich war zu zierlich, um sportlich zu wirken. Und doch klopften mir die Jungen am Ende des Unterrichts stolz auf meine Schultern. Dafür, dass ich ein Mädchen war, spielte ich gut. Auch nach meiner Pubertät blieben meine Beine dünn, wirkten zerbrechlich bei jedem zaghaften Schritt, das weibliche Fett blieb aus, das sich um meine Hüften legen sollte. Was ausreifte, war mein Intellekt, doch die Tugend dahinter sollte ich noch länger verkennen. Wer war dieses geheime Gremium, das meinen Körper stets wertete und den aller Frauen? Das uns hinterging, uns aufschlitzen ließ mit Stichen der Schönheit geschuldet - uns selbst hassen ließ? Nachdem ich eine Frau wurde, was auch immer das bedeuten mag seit der Inthronisierung der fremdgeschriebenen Weiblichkeit, die sich finden lässt in der Tragik der Ophelia in Shakespeares Hamlet oder in der Schönheit der Batseba im Alten Testament, fühlte ich mich stets ertappt - denn in mir thronte stets ein verurteilender Mann. Dabei haben die flüchtigen Augenblicke, in denen ich mich weiblich fühlte, nichts mit einem Mann zu tun, sondern mit Frauen. Ich erinnere mich an das kleine Zimmer meiner Großmutter in dem sie ihre letzten Tage verlebte, in einem Altersheim ihrer Heimat. Das Fenster rahmte wie ein stilles Ölgemälde die blauen Berge, die ihr Leben lang ihre treuen Begleiter gewesen waren und die Sonne fiel friedlich auf ihr Sterbebett. Ich sollte sie ein letztes Mal sehen und da sie nicht mehr viel sagen konnte, außer wirrende Worte, die sie widerwillig mit dem Tod tauschte, erzählte ich ihr von meinem Roman. Sie wurde still, lächelte, erinnerte sich, dass sie lebendig war. Ich erzählte ihr eine Geschichte, die sie eskapistisch in die glamouröse Welt Hollywoods entführte. Sie nahm meine Hand mit ihrer Hand, zerrissen wie Papier, und sagte: „Du bist so eine mutige Frau.“ Etwas, das in meinem Herzen verschlissen war, öffnete sich. Etwas in meinem Herz, das geöffnet war, verschloss sich wenige Jahre später als der Mann, der mich liebte, sagte, dass ich keine richtige Frau für ihn war. Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht frage, was es bedeutet eine Frau zu sein. Wie kann ich es spüren, wenn ich verblendet werde durch tausende Bilder, denen meine Freundinnen und ich als unseren Maßstäben ausgesetzt sind? Wie kann ich schreien, wenn ein alter Mann mich in der S- Bahn als Hure beleidigt, wenn mir der Ausdruck von Wut nie vorgelebt wurde, sondern nur endlos passive Gefühle? Wie kann ich selbstbestimmt sein, wenn meine Zweifel kommodifiziert sind? Wie kann ich wirklich befreit sein, wenn das Erbe, das mir der Stammbaum meiner weiblichen Vorfahren hinterlassen hat, ein beschränktes ist?
Wenn die Küche in dem zu Hause in dem ich groß wurde, ein politischer war, weil die Küche noch immer der Raum war, der meiner Mutter galt? Wie kann ich mir meiner Selbst gewahr sein, wenn der Lidstrich, den ich jeden Tag auf meine Haut zeichne, kein Selbstausdruck ist, sondern vielleicht ein Ausdruck dessen, dass ich dem wertenden Blick des Mannes, der in mir wohnt, zum Opfer falle? Wie können wir Weiblichkeit erreichen, wenn sie zu einem Heiligtum verklärt wurde, das es zu erreichen gilt? Decken wir die Mythologie der Engel auf, schießen sie tot vom Himmel. Eine weitere Szenerie, in der ich mich flüchtig weiblich fühlte, sind die vor meinem Auge aufflimmernden Verabredungen mit meinen Freundinnen, die in langen Gesprächen mündeten. Wie ich verletzt zu meiner besten Freundin flüsterte, dass meine Erfahrungen mit den meisten Männern sich in etwa so anfühlten wie, als hätte ich nochmals erfahren, dass der Weihnachtsmann nicht existiert. Eine Träne läuft dem kleinen Mädchen im Kinosaal die Wange herunter, wenn sie schon gewusst hätte, dass Sehnsüchte und Versprechen nicht aufgehen würden. Wie meine Freundinnen und ich hinter verschlossenen Türen über die Ungerechtigkeiten sprachen, die sie in ihrer Partnerschaft erlebt hatten und wie wir realisierten hinter verstecktem Intellekt, unserer Verschwendung an die Eitelkeit, der Hingabe an belanglosen Gesprächen, dass die Liebe in vielen Fällen nur vergoldet war. Dass Mutterschaft vergoldet war. Sie einen Grund darstellen könnten, uns unserem Wert zu berauben durch verlorengegangene Chancen, Entwicklungen und Freiheiten.
Decken wir die Mythologie der Engel auf, schießen sie tot vom Himmel. Ich bin eine Frau und ich kann nicht sagen, was Weiblichkeit bedeutet.
So wie jede andere Frau pflückte ich mir meine Attribute wie Blumen aus einem utopischen Garten - dort stehen im gleißenden Licht weiße Statuen, die Jahrhunderte der Kunsthistorie abdecken. Sie blitzen erhaben in der Sonne und ich meißle mich selbst nach dem Vorbild ihrer Anatomie; ihren schwungvollen Hüften, ihren Brüsten, die wie Früchte hängen von dem Baum ihres Körpers. In dieser Landschaft wandelte ich schon als Kind und verkannte sie als meine Spielwiese, wenn ich tagträumte und mich erbaute, oder meine neugierigen Augen über den Bildschirm des Fernsehers wanderten, der kulturelle Szenerien ausstrahlte - eine bunte, verschleiernde Werbung in Dauerschleife. Am Wochenende erhaschte ich vormittags einen Blick auf Pamela Andersons Körper, der in einem roten, engen Badeanzug die kalifornische Küste durchstreifte. Ihren goldenen Kopf, ihr Reklame Lächeln, welches mich an das meiner Barbie Puppen erinnerte. Zuerst waren die Gedanken flüchtig, weniger fundiert, doch sie erhielten mehr Tiefe, desto älter ich wurde. Meine Tagträume wandelten sich in gar fieberhafte Zustände, wenn ich nachts in meinem Bett lag, meine Augen zukniff, die Hände beinah faltend auf meiner Decke ruhten und ich dachte, dass mein Körper noch schneller wie eine pralle Frucht ausreifen könnte, wenn ich doch nur fest genug daran glaubte. Es erinnert mich an den Ausschnitt einer Dokumentation über Anna Nicole Smith, die in den 90er Jahren als die neue Marilyn Monroe zelebriert wurde und sie in einem Interview erzählte, wie sie in ihrer Kindheit in einer heißen Vorstadt in dem Bundestaat Texas, die versteckten Playboy Magazine ihres Steifvaters entdeckte und sich daraufhin nichts sehnlicher wünschte, als sich in das Abbild eines Playboy Bunnys zu verwandeln. Doch mein Spiegelbild täuschte mich, das mir zusammengepresst entgegenblickte. Im Sportunterricht wurde ich noch immer als Letzte gewählt, trotz meiner Fähigkeit schnell zu laufen und Bällen beim Völkerballspiel auszuweichen. Ich war zu zierlich, um sportlich zu wirken. Und doch klopften mir die Jungen am Ende des Unterrichts stolz auf meine Schultern. Dafür, dass ich ein Mädchen war, spielte ich gut. Auch nach meiner Pubertät blieben meine Beine dünn, wirkten zerbrechlich bei jedem zaghaften Schritt, das weibliche Fett blieb aus, das sich um meine Hüften legen sollte. Was ausreifte, war mein Intellekt, doch die Tugend dahinter sollte ich noch länger verkennen. Wer war dieses geheime Gremium, das meinen Körper stets wertete und den aller Frauen? Das uns hinterging, uns aufschlitzen ließ mit Stichen der Schönheit geschuldet - uns selbst hassen ließ? Nachdem ich eine Frau wurde, was auch immer das bedeuten mag seit der Inthronisierung der fremdgeschriebenen Weiblichkeit, die sich finden lässt in der Tragik der Ophelia in Shakespeares Hamlet oder in der Schönheit der Batseba im Alten Testament, fühlte ich mich stets ertappt - denn in mir thronte stets ein verurteilender Mann. Dabei haben die flüchtigen Augenblicke, in denen ich mich weiblich fühlte, nichts mit einem Mann zu tun, sondern mit Frauen. Ich erinnere mich an das kleine Zimmer meiner Großmutter in dem sie ihre letzten Tage verlebte, in einem Altersheim ihrer Heimat. Das Fenster rahmte wie ein stilles Ölgemälde die blauen Berge, die ihr Leben lang ihre treuen Begleiter gewesen waren und die Sonne fiel friedlich auf ihr Sterbebett. Ich sollte sie ein letztes Mal sehen und da sie nicht mehr viel sagen konnte, außer wirrende Worte, die sie widerwillig mit dem Tod tauschte, erzählte ich ihr von meinem Roman. Sie wurde still, lächelte, erinnerte sich, dass sie lebendig war. Ich erzählte ihr eine Geschichte, die sie eskapistisch in die glamouröse Welt Hollywoods entführte. Sie nahm meine Hand mit ihrer Hand, zerrissen wie Papier, und sagte: „Du bist so eine mutige Frau.“ Etwas, das in meinem Herzen verschlissen war, öffnete sich. Etwas in meinem Herz, das geöffnet war, verschloss sich wenige Jahre später als der Mann, der mich liebte, sagte, dass ich keine richtige Frau für ihn war. Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht frage, was es bedeutet eine Frau zu sein. Wie kann ich es spüren, wenn ich verblendet werde durch tausende Bilder, denen meine Freundinnen und ich als unseren Maßstäben ausgesetzt sind? Wie kann ich schreien, wenn ein alter Mann mich in der S- Bahn als Hure beleidigt, wenn mir der Ausdruck von Wut nie vorgelebt wurde, sondern nur endlos passive Gefühle? Wie kann ich selbstbestimmt sein, wenn meine Zweifel kommodifiziert sind? Wie kann ich wirklich befreit sein, wenn das Erbe, das mir der Stammbaum meiner weiblichen Vorfahren hinterlassen hat, ein beschränktes ist?
Wenn die Küche in dem zu Hause in dem ich groß wurde, ein politischer war, weil die Küche noch immer der Raum war, der meiner Mutter galt? Wie kann ich mir meiner Selbst gewahr sein, wenn der Lidstrich, den ich jeden Tag auf meine Haut zeichne, kein Selbstausdruck ist, sondern vielleicht ein Ausdruck dessen, dass ich dem wertenden Blick des Mannes, der in mir wohnt, zum Opfer falle? Wie können wir Weiblichkeit erreichen, wenn sie zu einem Heiligtum verklärt wurde, das es zu erreichen gilt? Decken wir die Mythologie der Engel auf, schießen sie tot vom Himmel. Eine weitere Szenerie, in der ich mich flüchtig weiblich fühlte, sind die vor meinem Auge aufflimmernden Verabredungen mit meinen Freundinnen, die in langen Gesprächen mündeten. Wie ich verletzt zu meiner besten Freundin flüsterte, dass meine Erfahrungen mit den meisten Männern sich in etwa so anfühlten wie, als hätte ich nochmals erfahren, dass der Weihnachtsmann nicht existiert. Eine Träne läuft dem kleinen Mädchen im Kinosaal die Wange herunter, wenn sie schon gewusst hätte, dass Sehnsüchte und Versprechen nicht aufgehen würden. Wie meine Freundinnen und ich hinter verschlossenen Türen über die Ungerechtigkeiten sprachen, die sie in ihrer Partnerschaft erlebt hatten und wie wir realisierten hinter verstecktem Intellekt, unserer Verschwendung an die Eitelkeit, der Hingabe an belanglosen Gesprächen, dass die Liebe in vielen Fällen nur vergoldet war. Dass Mutterschaft vergoldet war. Sie einen Grund darstellen könnten, uns unserem Wert zu berauben durch verlorengegangene Chancen, Entwicklungen und Freiheiten.
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